Kaum waren die Wasserprobleme vor Amsterdam behoben, kündigte sich bereits die nächste technische Herausforderung an. Auf dem Weg nach Durgerdam meldete sich plötzlich der Generator mit einer Fehlermeldung:
„Rotation too low“
Nicht schon wieder!
Der erste Blick fiel natürlich auf den Dieselstand. Die Anzeige zeigte noch 37 Prozent an – eigentlich mehr als genug. Also konnte es daran wohl kaum liegen. Oder doch?
Die Fehlersuche begann erneut. Nach einigen Überlegungen und einem Telefonat mit dem Support der Werft kam eine unerfreuliche Vermutung auf: Möglicherweise war der Tank doch leer und die Anzeige lieferte falsche Werte.
Keine besonders erfreuliche Aussicht.
Am nächsten Morgen in Durgerdam stand deshalb zunächst ein Praxistest auf dem Programm. Glücklicherweise konnten wir diesen ganz entspannt angehen. Die Betty hatte die Nacht über am Strom gelegen und unsere Batterien waren wieder auf rund 90 Prozent von 44 kWh geladen.
Also ging es zunächst zur Tankstelle.
Das Ergebnis war eindeutig: Nach dem Tanken von rund 100 Litern Diesel war klar, dass die Tankanzeige tatsächlich nicht die ganze Wahrheit erzählt hatte. Anschließend entlüfteten wir vorsichtshalber die Kraftstoffleitungen und den Generator. Wenn wir schon dabei waren, nahmen wir uns auch gleich noch den Wasserfilter vor. Dieser war völlig verdreckt und hatte seine besten Tage definitiv hinter sich.
Nach der Reinigung folgte der entscheidende Moment.
Startknopf drücken …
Der Generator sprang an und lief wieder völlig problemlos.
Yeah!
Die Erleichterung an Bord war groß.
Kurs auf Makkum
Nun konnte die Reise endlich weitergehen. Unser Ziel war Makkum an der friesischen Küste. Von dort wollten wir durch Schleuse und Brücke ins Wattenmeer vorstoßen.

Makkum ist seit Jahrhunderten eng mit der Schifffahrt verbunden. Der Ort liegt direkt am IJsselmeer und bildet einen wichtigen Zugang zu den friesischen Binnengewässern sowie zum Wattenmeer. Besonders bekannt ist Makkum für seine traditionsreiche Keramikherstellung und seinen modernen Yachthafen, der als beliebter Ausgangspunkt für Segler dient, die Richtung Nordsee oder die friesischen Inseln unterwegs sind.
Die Überfahrt quer über das IJsselmeer verlief allerdings deutlich ruhiger als erhofft. Vom angekündigten Wind war kaum etwas zu spüren. Stattdessen präsentierte sich das größte Binnengewässer der Niederlande nahezu spiegelglatt. Die Betty glitt ruhig über das Wasser, während sich Himmel und Wolken perfekt in der Oberfläche spiegelten.
Ein beeindruckender Anblick – auch wenn sich die Segel darüber weniger freuten.
Gegen 18 Uhr erreichten wir schließlich den Hafen der Wassersportvereinigung in Makkum. Die Sonne brannte den ganzen Tag erbarmungslos vom Himmel und verwandelte die Kabine am Abend in einen kleinen Backofen. Selbst nach Sonnenuntergang zeigte das Thermometer im Innenraum noch 25 Grad.
Also Klimaanlage einschalten.
Dachten wir zumindest.
Denn statt kühler Luft erschien die nächste Fehlermeldung.
Wieder ein Problem.
Nach den Erfahrungen mit Generator und Wasserpumpe lag die Vermutung nahe, dass auch hier ein verschmutzter Wasserfilter die Ursache sein könnte. Die Aussicht auf eine angenehm klimatisierte Nacht war damit erst einmal dahin.
Also blieb uns nichts anderes übrig, als die Nacht bei sommerlichen Temperaturen durchzuschwitzen.
Endlich wieder kühle Luft
Am nächsten Morgen ging es direkt an die Fehlersuche.
Der Wasserfilter der Klimaanlage wurde geöffnet und kontrolliert. Und tatsächlich: Genau wie beim Generator hatte sich dort eine beachtliche Menge Schmutz angesammelt.
Nach einer gründlichen Reinigung folgte der nächste Test.
Klimaanlage einschalten.
Und diesmal:
Juhu – sie funktioniert!
Sofort strömte angenehm kühle Luft durch die Betty und die Stimmung an Bord stieg schlagartig.
Nachdem unsere Betty die ersten Strapazen der Reise so tapfer überstanden hatte, beschlossen wir, ihr am Morgen etwas Pflege zu gönnen. Das Deck wurde gründlich gewaschen, Salz und Schmutz entfernt und auch die Fenster bekamen eine längst fällige Reinigung.
Mit glasklaren Scheiben und frisch gewaschenem Deck präsentierte sich die Betty wieder in Bestform.
Und wir hatten endlich wieder freie Sicht nach vorne – bereit für die nächsten Abenteuer auf dem Weg ins Wattenmeer.
Warum wir plötzlich wieder zurück mussten
Eigentlich war der Plan ein ganz anderer.
Nach unserer Ankunft in Makkum und den erfolgreich gelösten Technikproblemen an Bord freuten wir uns darauf, endlich den nächsten großen Schritt unserer Reise anzugehen: die Fahrt durch Schleuse und Brücke hinaus ins Wattenmeer. Die Route schien klar, die Betty war bereit und die Crew ebenfalls.
Doch wie so oft auf einer längeren Reise kommt es anders als geplant.
Was wir in keinem Hafenführer, in keiner App und auf keiner der von uns genutzten Informationsseiten gefunden hatten, erfuhren wir schließlich von unseren Bootsnachbarn am Steg: Die wichtige Brücke auf der Seite von Makkum wurde saniert und war für eine ganze Woche gesperrt.
Eine Woche.
Für uns bedeutete das, dass unser sorgfältig geplanter Weg ins Wattenmeer plötzlich nicht mehr existierte.
Also blieb nur eine Alternative: zurück.
Zurück über das IJsselmeer, zurück Richtung Nordsee und zurück nach Den Helder.
Manchmal besteht Seefahrt eben nicht nur aus guten Plänen, sondern vor allem aus der Fähigkeit, neue zu machen.
Quer über das IJsselmeer
Am nächsten Morgen lösten wir die Leinen und machten uns erneut auf den Weg über das IJsselmeer.
Das IJsselmeer ist heute das größte Binnengewässer der Niederlande. Ursprünglich war es Teil der offenen Nordsee und als Zuiderzee bekannt. Erst mit dem Bau des gewaltigen Abschlussdeichs, des Afsluitdijk, wurde das Meer vom Ozean getrennt und verwandelte sich in das Süßwasserbecken, das heute eines der wichtigsten Segelreviere Europas ist.
Für Segler bietet das IJsselmeer weite Horizonte, zahlreiche historische Hafenstädte und oft hervorragende Windbedingungen.
An diesem Tag zeigte es sich allerdings von seiner friedlichen Seite.
Die Sonne schien, das Wasser war vergleichsweise ruhig und die Betty glitt entspannt ihrem neuen Ziel entgegen.

Der Windpark macht einen Strich durch die Rechnung
Der direkte Weg nach Den Helder wäre eigentlich einfach gewesen.
Wäre da nicht ein riesiger Offshore-Windpark gewesen.
Die gewaltigen Windkraftanlagen erstrecken sich über große Bereiche der niederländischen Küstengewässer und dürfen aus Sicherheitsgründen nicht durchfahren werden. Also hieß es erneut: Umweg fahren.
Statt der direkten Route mussten wir einen großzügigen Bogen um die Anlagen schlagen. Zwar verlängerte das die Reisezeit deutlich, dafür bot sich ein beeindruckender Anblick. Die gigantischen Türme ragten kilometerweit sichtbar aus dem Meer und erinnerten daran, wie stark die Niederlande mittlerweile auf Offshore-Windenergie setzen.
Für die Energiewende ein Gewinn.
Für Segler manchmal ein zusätzlicher Umweg.
Volles Haus in der Schleuse
Schließlich erreichten wir die Schleusenanlage vor Den Helder.
Wer glaubt, Schleusen seien immer geordnete und ruhige Angelegenheiten, der hätte an diesem Tag dabei sein sollen.
Schon bei der Einfahrt war klar: Das wird eng.
Immer mehr Boote sammelten sich vor den Toren. Segelyachten, Motorboote und Fahrtenyachten warteten auf die nächste Öffnung. Als die Tore schließlich aufschwangen, setzte sich die schwimmende Karawane in Bewegung.
Am Ende lagen vermutlich zwanzig Boote gleichzeitig in der Schleusenkammer.
Teilweise passte kaum noch ein Fender zwischen die Nachbarn.
Doch damit nicht genug.
Mitten zwischen all den Schiffen befand sich plötzlich noch eine Entenfamilie mit sieben oder acht Küken, die offenbar beschlossen hatte, die Schleuse ebenfalls zu nutzen.
Während die Skipper konzentriert Leinen führten und ihre Boote kontrollierten, paddelten die kleinen Enten seelenruhig zwischen den Schiffen hindurch.
Manchmal schreibt das Leben die schönsten Geschichten.
Zurück auf der Nordsee
Nachdem sich die Schleusentore zur Seeseite öffneten, lag sie wieder vor uns:
Die Nordsee.
Nach den teilweise ruppigen Erfahrungen der vergangenen Tage erwarteten wir bereits das Schlimmste.
Doch diesmal zeigte sie sich überraschend freundlich.
Kaum Welle.
Kein Stampfen.
Kein Rollen.
Lediglich etwa zehn Knoten Wind begleiteten uns.
Leider kam dieser Wind exakt von vorne.
Für Segler ist das ungefähr so hilfreich wie Gegenwind für einen Radfahrer.
Die Segel blieben daher weitgehend arbeitslos und die Betty setzte ihren Weg überwiegend unter Motor fort.
Trotzdem genossen wir die ruhige Fahrt. Die Küste zog langsam vorbei, die Sicht war hervorragend und die entspannte See erlaubte einen seltenen Moment des Durchatmens.
Auch Schiffshund Baldur schien die angenehmen Bedingungen zu schätzen und verschlief große Teile der Strecke in seinem Lieblingsplatz an Bord.
Ankunft in Den Helder
Gegen Abend liefen wir schließlich in Den Helder ein.
Die Stadt gilt als maritime Hauptstadt der Niederlande. Seit Jahrhunderten spielt sie eine zentrale Rolle für die niederländische Marine. Aufgrund ihrer strategischen Lage am Eingang zur Nordsee entwickelte sich Den Helder zu einem der wichtigsten Marinestandorte Europas.
Noch heute befindet sich hier die größte Marinebasis des Landes.
Unser Liegeplatz befand sich direkt im Marinehafen – ein besonderer Ort für jeden, der sich für Schifffahrt interessiert.
Neben uns lag ein Schiff der niederländischen Küstenwache.
Beeindruckend anzusehen – und kaum zu überhören.
Die Motoren liefen nahezu ununterbrochen, damit das Schiff jederzeit innerhalb kürzester Zeit zu einem Einsatz auslaufen konnte.
Trotz des ständigen Brummens war der Hafen ein angenehmer Ort zum Übernachten. Die maritime Atmosphäre war überall spürbar. Marineschiffe, Arbeitsboote und Küstenwacheneinheiten sorgten dafür, dass es selbst am Abend immer etwas zu beobachten gab.
Ganz ohne kleine Überraschung ging der Tag allerdings erneut nicht zu Ende.
Diesmal funktionierte die Stromversorgung am Liegeplatz nicht wie erwartet.
Langsam hatten wir das Gefühl, dass die Betty und wir auf dieser Reise gemeinsam eine Liste aller denkbaren technischen Herausforderungen abarbeiten wollten.
Die To-do-Liste wächst
Nach den Erfahrungen der letzten Tage wurde uns außerdem klar, dass wir bei unserer Ausrüstung noch etwas nachlegen sollten.
Auf der Einkaufsliste für den nächsten Tag standen deshalb einige wichtige Dinge:
- eine zweite Kabelrolle
- ein Stromsplitter
- zusätzliche Dieselkanister
- und noch einige weitere Kleinigkeiten, die das Leben an Bord einfacher machen
Doch das war eine Aufgabe für morgen.
Für heute waren wir einfach froh, wieder sicher angekommen zu sein.
Die Betty lag fest vertäut im Marinehafen von Den Helder, die Sonne verschwand langsam hinter den Masten und die Crew konnte auf einen weiteren außergewöhnlichen Tag zurückblicken.
Eigentlich wollten wir längst im Wattenmeer unterwegs sein.
Stattdessen hatten wir einen ungeplanten Abstecher zurück zur Nordsee gemacht.
Aber genau das macht eine Reise unter Segeln aus: Nicht die perfekte Planung, sondern die Geschichten, die entstehen, wenn Pläne plötzlich nicht mehr funktionieren.


























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