Den Heldern nach Treschelling oder wie wir sagen 3 Schülling

Nach den ungeplanten Umwegen der vergangenen Tage stand am Samstagmorgen zunächst etwas ganz Alltägliches auf dem Programm: Proviantieren.

Die nächsten Etappen unserer Reise sollten uns durch das Wattenmeer und weiter Richtung Nordsee führen. Größere Einkäufe wollten wir erst wieder auf Helgoland erledigen. Die kleine deutsche Hochseeinsel ist eine Zollfreizone und deshalb besonders bei Seglern beliebt.

Der Sonderstatus Helgolands hat historische Gründe. Die Insel gehörte lange Zeit zu Großbritannien und wurde erst 1890 im Zuge des Helgoland-Sansibar-Vertrags an das Deutsche Reich übergeben. Bis heute gehört Helgoland zwar politisch zu Deutschland, liegt aber außerhalb des Zollgebiets der Europäischen Union. Dadurch entfallen auf viele Waren bestimmte Verbrauchssteuern und Abgaben. Besonders bekannt ist die Insel daher für günstige Spirituosen, Tabakwaren und einige andere Waren des täglichen Bedarfs.

Bis dahin mussten jedoch die Vorräte reichen.

Da der nächste Supermarkt vom Marinehafen in Den Helder ein gutes Stück entfernt lag und unsere Fahrräder sowie Scooter noch immer in Hellevoetsluis standen, blieb nur eine Lösung: ein Taxi.

Also ging es zunächst zum Einkaufen.

Lebensmittel für die kommenden Tage wanderten in die Einkaufswagen, dazu kamen noch Dieselkanister für die längeren Strecken sowie die unverzichtbaren Vorräte an Zigaretten und Glimmstängeln für Henry und Roswitha.

Mit voll beladenem Taxi und zahlreichen Taschen kehrten wir schließlich zur Betty zurück. Nach dem Verstauen der Einkäufe und den letzten Vorbereitungen hieß es gegen Mittag:

Leinen los.

Kurs auf Terschelling

Unser Ziel war Terschelling, eine der fünf bewohnten westfriesischen Inseln.

Die Insel liegt mitten im UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer und bildet seit Jahrhunderten einen wichtigen Orientierungspunkt für die Schifffahrt entlang der niederländischen Küste. Besonders bekannt ist Terschelling für seinen markanten Leuchtturm „Brandaris“, der bereits seit dem Jahr 1594 über die Insel wacht und als ältester noch betriebener Leuchtturm der Niederlande gilt.

Früher war Terschelling eine Insel von Walfängern, Fischern und Seefahrern. Noch heute prägt die maritime Tradition das Leben auf der Insel.

Die Bedingungen auf See waren an diesem Tag erfreulich.

Nachdem wir Den Helder verlassen hatten, ließen wir Texel an unserer Ostseite zurück. Texel ist die größte der niederländischen Watteninseln und für viele Segler der Ausgangspunkt ihrer Reisen durch das Wattenmeer.

Wir entschieden uns jedoch für die Außenroute entlang der Nordseeküste.

Unter Segeln machte die Betty gute Fahrt. Endlich konnten wir die Kraft des Windes wieder ausgiebig nutzen. Die Nordsee zeigte sich freundlich, die Wellen waren moderat und die Crew genoss die entspannte Passage.

Auch die nächste Insel ließen wir unbeachtet passieren.

Das Ziel war klar: möglichst zügig nach Terschelling.

Anspruchsvolle Einfahrt ins Wattenmeer

Je näher wir unserem Ziel kamen, desto anspruchsvoller wurde die Navigation.

Die Zufahrt nach West-Terschelling führt durch ein komplexes Netz aus Fahrwassern, Prielen und Sandbänken. Das Wattenmeer verändert sich ständig. Strömungen, Gezeiten und Sturmfluten verschieben Jahr für Jahr große Mengen Sand. Deshalb müssen Fahrwasser regelmäßig neu vermessen und die Tonnen entsprechend versetzt werden.

Hier reicht es nicht, einfach einem Kurs auf dem Plotter zu folgen.

Aufmerksamkeit ist gefragt.

Strömung, Wassertiefe und Betonnung müssen permanent beobachtet werden.

Zur Sicherheit hatten wir bereits unterwegs den Hafenmeister angerufen und nach einem Liegeplatz gefragt.

Seine Antwort war beruhigend:

„Kein Problem, jede Menge Platz.“

Als wir am Abend schließlich im Hafen von West-Terschelling einliefen, stellte sich die Situation allerdings etwas anders dar.

Der Hafen war deutlich voller als erwartet.

Wir drehten mehrere Runden durch die Stege und suchten nach einer geeigneten Lücke. Am Ende fanden wir tatsächlich noch einen Platz – oder besser gesagt eine schmale Lücke zwischen zwei bereits fest vertäuten Segelbooten.

Mit etwas Geduld, guter Kommunikation und einigen hilfreichen Händen gelang auch dieses Manöver.

Die Betty lag sicher fest.

Planung für das Abenteuer Wattenmeer

Der Abend stand ganz im Zeichen der Vorbereitung auf den nächsten Tag.

Route ins Google Maps wo das Meer überall blau ist
Foto der Navigationssoftware – blau ist wasser – grün is Wat und gelb ist Festland

Denn nun begann der Teil der Reise, auf den sich viele von uns besonders freuten.

Wir wollten quer durch das Wattenmeer fahren und unterwegs trockenfallen.

Das sogenannte Trockenfallen gehört zu den faszinierendsten Erfahrungen, die man als Segler im Wattenmeer machen kann. Dabei wird das Boot bei Hochwasser an einer geeigneten Stelle auf einer Sandbank positioniert. Mit ablaufendem Wasser sinkt der Wasserstand langsam ab, bis das Schiff schließlich auf dem Meeresboden aufsitzt.

Stunden später steht das Boot dann scheinbar mitten auf dem Land.

Man kann um das Schiff herumspazieren, Muscheln sammeln oder einfach die einzigartige Landschaft genießen.

Damit das sicher funktioniert, müssen jedoch zahlreiche Faktoren berücksichtigt werden:

  • Gezeiten
  • Wassertiefen
  • Untergrund
  • Wetterentwicklung
  • Strömungsverhältnisse

Zum ersten Mal auf unserer Reise wurden Ebbe und Flut wirklich zum entscheidenden Faktor.

Plötzlich bestimmten nicht mehr nur Wind und Wetter unseren Fahrplan, sondern auch die Gezeiten.

Die Tidenplanung wurde am Abend ausführlich studiert und diskutiert.

Wann läuft das Wasser auf?

Wann beginnt das Ablaufen?

Wie viel Wasser steht an den flachen Stellen tatsächlich zur Verfügung?

Fragen über Fragen.

Mitten durchs Wat

Am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen.

Die Gezeiten geben den Takt vor und warten auf niemanden.

Gegen 10 Uhr verließen wir den Hafen von West-Terschelling und nahmen die Nordroute auf der Innenseite der Insel.

Schon kurz nach dem Auslaufen änderte sich die Szenerie vollständig.

Die offene Nordsee lag hinter uns.

Vor uns erstreckte sich das Wattenmeer.

Eine einzigartige Landschaft aus Prielen, Sandbänken, Wattflächen und schmalen Fahrwassern.

Hier wird Navigation zur Präzisionsarbeit.

Teilweise zeigte unser Echolot nur noch wenige Zentimeter Wasser unter dem Kiel an.

An manchen Stellen waren es weniger als 20 Zentimeter.

Jeder Blick wanderte abwechselnd zwischen Plotter, Tiefenmesser und den Tonnenmarkierungen.

Links und rechts tauchten bereits die ersten Sandbänke auf, auf denen sich zahlreiche Seehunde in der Morgensonne ausruhten.

Die Betty zog ruhig ihre Spur durch das flache Wasser.

Für viele Segler ist genau das der besondere Reiz des Wattenmeers:

Dort unterwegs zu sein, wo wenige Stunden später vielleicht überhaupt kein Wasser mehr vorhanden ist.

Und genau dort begann nun das nächste Kapitel unserer Reise.

Gegen Wind und Gezeiten

Natürlich hatte das Wattenmeer noch eine weitere Überraschung für uns parat.

Wie schon so oft auf dieser Reise kam der Wind wieder einmal genau von vorne.

An entspanntes Segeln war daher kaum zu denken. Also mussten wir den größten Teil der Strecke auf die zuverlässige Kraft unserer Oceanvolt-Elektromotoren vertrauen. Leise und nahezu vibrationsfrei schob sich die Betty durch die schmalen Fahrwasser des Watts.

Im Wattenmeer bestimmt jedoch nicht nur der Wind den Tagesablauf. Vor allem die Gezeiten geben hier den Takt vor.

Mehrmals zeigte sich, dass wir an einigen flachen Stellen etwas zu früh unterwegs waren. Die Fahrrinne war zwar vorhanden, aber das Wasser darüber noch nicht tief genug. Also hieß es Geduld bewahren.

An mehreren Engstellen legten wir kurze Pausen von zehn bis fünfzehn Minuten ein und warteten darauf, dass die auflaufende Flut ihren Dienst verrichtete. Es ist ein ungewohntes Gefühl, mitten auf dem Wasser zu stehen und darauf zu warten, dass das Meer langsam wieder zurückkehrt.

Doch genau diese enge Verbindung mit den Gezeiten macht den besonderen Reiz des Wattenmeers aus. Hier wird einem bewusst, dass nicht der Mensch den Fahrplan bestimmt, sondern die Natur.

Schließlich wurden die Fahrwasser wieder tiefer.

Die letzten Tonnenmarkierungen blieben achteraus zurück.

Und dann war es endlich soweit:

Vor uns lag wieder die offene Nordsee.

Endlich Segeln

Kaum hatten wir das Wattenmeer verlassen, wurden wir von deutlich besseren Bedingungen empfangen.

Der Wind frischte auf angenehme 15 bis 18 Knoten auf und kam nun aus einer Richtung, die endlich vernünftiges Segeln zuließ.

Die Segel wurden gesetzt.

Nach den vielen Motorstunden der vergangenen Tage war das ein besonderer Moment. Die Betty legte sich leicht auf die Seite und beschleunigte spürbar. Unter voller Besegelung liefen wir zügig durch die Nordsee und genossen die Freiheit des offenen Meeres.

Die Crew war begeistert.

Leider teilte nicht jeder an Bord diese Begeisterung.

Während die Menschen das Segeln genossen, entwickelte sich für unseren Bordhund Baldur die Situation zunehmend unangenehm. Offenbar hatten die Wellen und die Schiffsbewegungen diesmal ihre Wirkung nicht verfehlt.

Baldur wurde seekrank.

Unser sonst so entspannter Schiffshund wirkte zunehmend unwohl und suchte sich ein ruhiges Plätzchen an Deck.

Natürlich hatte sein Wohlbefinden oberste Priorität.

Die erste Terschelling-Umrundung der Geschichte?

Nach kurzer Beratung beschlossen wir daher, den ursprünglichen Plan aufzugeben und einen angenehmeren Kurs einzuschlagen.

Statt weiter Richtung Osten zu segeln, drehten wir um und nahmen erneut Kurs auf Terschelling.

Diesmal allerdings auf der Außenseite der Insel.

Mit Wind und Wellen im Rücken lief die Betty hervorragend. Das Schiff fühlte sich deutlich ruhiger an und machte gleichzeitig beeindruckende Fahrt.

Sieben bis acht Knoten standen regelmäßig auf dem Log.

Die Nordsee präsentierte sich nun von ihrer angenehmen Seite und die Meilen vergingen wie im Flug.

Gegen 21 Uhr liefen wir erneut in Terschelling ein.

Erst beim Blick auf unsere aufgezeichnete Route wurde uns klar, was wir an diesem Tag eigentlich geschafft hatten.

Wir hatten die gesamte Insel umrundet.

Ob dies schon einmal jemand vor uns getan hat, können wir nicht mit Sicherheit sagen.

Sollte es allerdings noch niemand gemacht haben, dann beanspruchen wir hiermit offiziell den Titel:

Erstinselumrunder von Terschelling.

Zumindest ist uns bisher kein anderer bekannt.

Und solange niemand das Gegenteil beweist, bleiben wir bei dieser Version der Geschichte.

Zeit für einen Landtag

Nach den vielen Seemeilen, den technischen Herausforderungen der vergangenen Wochen und dem Abenteuer Wattenmeer stand für den kommenden Tag die Entscheidung schnell fest:

Landtag.

Nicht nur die Crew hatte sich eine Pause verdient.

Vor allem Baldur sollte Gelegenheit bekommen, sich vollständig von seinem Ausflug in die Welt der Seekrankheit zu erholen.

Ein Hafentag bedeutet jedoch keineswegs Stillstand.

Im Gegenteil.

Es gab genügend Arbeiten an Bord zu erledigen.

Die Betty hatte in den vergangenen Wochen einiges geleistet und verlangte nun nach etwas Aufmerksamkeit. Aufräumen, Wäsche waschen, Systeme kontrollieren, kleinere Inspektionen durchführen und mögliche Reparaturen planen – die Liste war lang.

Schließlich hatten wir bereits Bekanntschaft mit verstopften Filtern, Generatorproblemen, Wasserpumpen und Klimaanlagen gemacht.

Ein gründlicher Check konnte also nicht schaden.

Während die Betty ihre wohlverdiente Pflege erhielt und Baldur sich an Land die Beine vertrat, würden wir Kraft für die nächsten Etappen sammeln.

Denn eines hatte uns diese Reise bereits gezeigt:

Hinter jedem Horizont wartet garantiert das nächste Abenteuer.

Nachtrag für aufmerksame Leser

Noch während wir den Bericht verfassten, erreichte uns die berechtigte Nachfrage unseres geschätzten Freundes Dr. Stefan F., ob denn an Bord der Betty auch die gute alte seemännische Tradition des Manöverschluckes gepflegt werde.

Die Antwort lautet selbstverständlich:

Ja, natürlich!

Auch auf der Betty werden maritime Traditionen hochgehalten. Der Manöverschluck wurde ordnungsgemäß und höchstpersönlich von Henry durchgeführt. Über die genaue Anzahl der durchgeführten Qualitätskontrollen schweigt das Logbuch allerdings aus diplomatischen Gründen.

Wir können jedoch bestätigen, dass sämtliche Manöver danach weiterhin erfolgreich durchgeführt wurden und die Navigationsfähigkeit der Crew nicht nachhaltig beeinträchtigt war.

Zumindest laut offizieller Darstellung.

Der Tradition wurde somit Genüge getan und die Ehre der Seefahrt blieb gewahrt.

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