Nach unserem ungeplanten, aber durchaus historischen Inselumrundungs-Manöver von Terschelling stand am nächsten Morgen die Frage im Raum:
Wohin eigentlich als Nächstes?
Das Ziel war zunächst offen. Fest stand nur, dass wir weiter Richtung Deutschland und letztlich nach Helgoland wollten. Wie so oft auf See entscheiden jedoch Wind, Wetter, Strömung und Energiehaushalt über den tatsächlichen Kurs.
Früher Start mit der Flut

Da wir die Gezeiten optimal nutzen wollten, klingelte der Wecker bereits weit vor Sonnenaufgang.
Um 5:30 Uhr hieß es in West-Terschelling:
Leinen los!
Vor der Abfahrt füllten wir noch zwei Dieselkanister mit jeweils 20 Litern. Auf den ersten Blick mag das überraschen, schließlich wird die Betty von modernen Oceanvolt-Elektromotoren angetrieben.
Doch dazu später mehr.
Zunächst galt es, den Liegeplatz sauber zu verlassen.
Eric und Yvonne hatten bereits angekündigt allein abzulegen, somit waren wir beim Ablegen auf uns allein gestellt.
Doch das Manöver klappte hervorragend.
Wie auf vielen Fahrtenyachten lagen die Festmacher auf sogenannten Slip-Leinen. Dabei wird die Leine nicht fest am Steg verknotet, sondern so geführt, dass sie vom Boot aus vollständig eingeholt werden kann. Der große Vorteil: Niemand muss nach dem Ablegen auf dem Steg zurückbleiben, um die letzte Leine loszuwerfen.
Eine Leine nach der anderen wurde gelöst, eingeholt und ordentlich verstaut.
Wenige Minuten später glitt die Betty bereits aus dem Hafen hinaus.
Eine Nordsee wie ein Ententeich
Wer die Nordsee kennt, verbindet sie meist mit Wind, Wellen und bewegter See.
An diesem Morgen präsentierte sie sich allerdings völlig anders.
Spiegelglatt.
Kein Kräuseln auf dem Wasser.
Keine Dünung.
Kein Wind.
Absolut gar kein Wind.
Die Nordsee lag da wie ein riesiger See aus Glas.
Für Fotografen ein Traum.
Für Segler eher weniger.
Also blieb nur eine Möglichkeit: motoren.
Gemütlich liefen wir entlang der Küste von Terschelling und genossen die Ruhe. Baldur schien die Bedingungen deutlich angenehmer zu finden als die Tage zuvor und verschlief große Teile der Fahrt.
An Steuerbord zog später Ameland vorbei.
Die Insel gehört wie Terschelling zu den Westfriesischen Inseln und ist vor allem für ihre langen Sandstrände und Dünenlandschaften bekannt. Aus nautischer Sicht markiert sie einen wichtigen Abschnitt auf dem Weg entlang der niederländischen Wattenküste.
Kurz darauf folgte Schiermonnikoog.
Die östlichste der niederländischen Watteninseln trägt ihren ungewöhnlichen Namen nach den „grauen Mönchen“, die dort einst lebten. Große Teile der Insel stehen heute unter Naturschutz und gehören zum UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer.
Für uns blieben beide Inseln allerdings vor allem eines:
Land in der Ferne.
Die Betty zog unbeirrt ihre Bahn Richtung Deutschland.
Willkommen in Deutschland
Am Nachmittag erreichten wir schließlich Borkum.
Borkum ist die westlichste der Ostfriesischen Inseln und zugleich die größte. Aufgrund ihrer Lage nahe der niederländischen Grenze war die Insel seit Jahrhunderten ein wichtiger Orientierungspunkt für die Schifffahrt in der Deutschen Bucht.
Doch bevor wir deutschen Boden betreten konnten, musste zunächst eine wichtige seemännische Tradition erfüllt werden.
Die Gastlandflagge wird gewechselt
Seit Jahrhunderten ist es auf See üblich, beim Einlaufen in die Gewässer eines anderen Landes die sogenannte Gastlandflagge zu setzen.
Diese wird traditionell an der Steuerbord-Saling oder an einer dafür vorgesehenen Position geführt und signalisiert Respekt gegenüber dem besuchten Land.
Also wurde kurz vor Borkum die niederländische Gastlandflagge eingeholt.
An ihre Stelle trat die deutsche Trikolore in Schwarz-Rot-Gold.
Ein kleiner Moment – aber einer, der auf See immer etwas Besonderes hat.
Nun waren wir offiziell in deutschen Gewässern unterwegs.
Willkommen in „Port Henry“
Unser Ziel war eigentlich der Hafen von Borkum.
Zumindest dachten wir das.
In Wirklichkeit landeten wir im später liebevoll getauften:
Port Henry.
Der Name klang vielversprechend.
Fast wie ein großer Überseehafen mit exzellenter Gastronomie und maritimer Gastfreundschaft.
Die Realität sah etwas anders aus.
Bereits unterwegs hatten wir telefonisch angekündigt, dass wir später ankommen würden und fragten vorsorglich nach der Küche.
Kein Problem, hieß es.
Als wir schließlich festgemacht hatten und uns auf ein wohlverdientes Abendessen freuten, war die Küche allerdings bereits geschlossen.
Kalt.
Aus.
Vorbei.
Der Name „Port Henry“ hatte eindeutig mehr versprochen als gehalten.
Auch die Stromversorgung entwickelte sich nicht zu unserem besten Freund.
Während nahezu alle modernen Marinas die bekannten blauen CEE-Marinaanschlüsse verwenden, verfügte der Hafen über klassische Haushaltssteckdosen.
Und genau für diese fehlte uns der passende Adapter.
Wieder etwas für die Einkaufsliste.
Direkt neben der zweiten Kabelrolle – achnein die haben wir schon in Treschelling bekommen.
Dem Stromsplitter.
Und vermutlich noch einigen weiteren Dingen.
Mit Batterien bei knapp 20 Prozent Ladestand fiel die Nacht entsprechend kurz aus.
Denn für den nächsten Tag waren hervorragende Bedingungen vorhergesagt.
Helgoland in Reichweite?
Wenn man den Wetterdiensten glauben durfte, sollte der Schlag von Borkum nach Helgoland innerhalb von etwa zwölf Stunden machbar sein.
Der Plan klang hervorragend.
Also liefen wir am nächsten Morgen mit der Flut aus.
Die Idee dahinter war einfach:
Die auflaufende Tide sollte uns zusätzlich nach Osten schieben und wertvolle Geschwindigkeit schenken.
Theoretisch jedenfalls.
Praktisch hatte die Nordsee andere Vorstellungen.
Gegen Wind und Strom
Schon kurz nach dem Auslaufen wurde klar:
Die Strömung lief genau gegen uns.
Der Wind ebenfalls.
Beides direkt auf die Nase.
Für Segler gibt es kaum eine ungünstigere Kombination.
Um überhaupt voranzukommen, mussten wir kreuzen.
Beim Kreuzen segelt man nicht direkt auf das Ziel zu, sondern fährt in Zickzack-Kursen gegen den Wind an. Dadurch verlängert sich die zurückgelegte Strecke erheblich.
Zusätzlich unterstützten wir unsere Segel mit den Oceanvolt-Elektromotoren.
Trotzdem war der Fortschritt ernüchternd.
Nach mehreren Stunden hatten wir gerade einmal den direkten Einflussbereich von Borkum verlassen.
Ein nüchterner Blick auf die verbleibende Strecke machte schließlich klar:
Helgoland würden wir an diesem Tag nicht erreichen.
Warum Diesel auf einem Elektroboot?
An dieser Stelle stellt sich vielen Lesern wahrscheinlich die Frage:
Warum beschäftigen wir uns ständig mit Diesel, wenn die Betty doch elektrisch fährt?
Die Antwort liegt in unserem Energiesystem.
Die Betty wird zwar von elektrischen Oceanvolt-Motoren angetrieben, verfügt aber zusätzlich über einen Dieselgenerator als sogenannten Range Extender.
Dieser Generator erzeugt Strom und lädt die Batterien beziehungsweise versorgt direkt die elektrischen Verbraucher an Bord.
Man könnte ihn vereinfacht als schwimmendes Kraftwerk bezeichnen.
Ohne ausreichenden Dieselvorrat sinkt also auch die Reichweite eines elektrisch angetriebenen Schiffes.
Und genau deshalb wurden Strom und Diesel langsam zu einem Thema, denn beides gab es nicht in Borkum.
Plan B: Norderney
Also wurde erneut umgeplant.
Statt Helgoland lautete das neue Ziel:
Norderney.
Die Insel zählt zu den bekanntesten Ostfriesischen Inseln und blickt auf eine lange maritime Geschichte zurück. Bereits im 19. Jahrhundert entwickelte sie sich zu einem bedeutenden Nordseeheilbad und gehört bis heute zu den beliebtesten Inseln Deutschlands.
Vor allem aber gab es dort etwas, das wir dringend benötigten:
Strom.
Und Diesel.
Am späten Nachmittag liefen wir in den Hafen von Norderney ein.
Dort erwartete uns ein ausgezeichneter Liegeplatz.
Landstrom war verfügbar – zwar kostenpflichtig, aber nach den vergangenen Tagen nahm das niemand übel.
Dazu kamen saubere Sanitäranlagen, Duschen, Frischwasser und alles, was das Seglerherz nach mehreren Tagen auf See erfreut.
Besonders erfreulich war allerdings eine andere Entdeckung.
Das Hafenrestaurant hatte geöffnet.
Und zwar wirklich geöffnet.
Keine kalte Küche.
Keine Enttäuschungen.
Kein „leider schon geschlossen“.
Auf den Tellern landeten schließlich Lachs und Scholle – frisch, lecker und genau das Richtige nach einem langen Tag auf See.
Während draußen die Masten leise im Abendwind klapperten, begann an Bord die Planung für den nächsten Versuch.
Helgoland hatte uns diesmal noch nicht gewollt.
Doch aufgegeben wird auf der Betty nicht.
Bei gutem Essen, geladenen Batterien und vollen Tanks wurden die Wetterkarten studiert, Strömungen analysiert und neue Pläne geschmiedet.
Denn morgen sollte es endlich klappen.
Kurs Helgoland.
PS: Die Pütz haben wir auch verloren – kommt auch auf die Liste






































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