Neuer Kurs: Helgoland muss warten – auf nach Spiekeroog!

Am Abend zuvor waren die Wetterkarten noch einmal ausgiebig studiert worden. Windvorhersagen, Gezeitenkalender, Strömungskarten und die Energiereserven der Betty lagen auf dem Tisch. Wie jeden Abend fand unsere mittlerweile zur liebgewonnenen Routine gewordene Teambesprechung statt.

Eigentlich sollte nun endlich der große Schlag nach Helgoland gelingen.

Doch auf See gewinnt nicht immer der ursprüngliche Plan.

Nach eingehender Beratung fiel die Entscheidung:

Helgoland muss noch etwas auf uns warten.

Unser neuer Kurs führte uns stattdessen nach Spiekeroog.

Warum ausgerechnet Spiekeroog?

Spiekeroog gehört zu den sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln und gilt als eine der ruhigsten und ursprünglichsten Inseln der deutschen Nordseeküste.

Im Gegensatz zu vielen anderen Inseln gibt es dort kaum Autoverkehr. Pferdekutschen und Fahrräder prägen bis heute das Ortsbild und verleihen der Insel eine fast entschleunigte Atmosphäre.

Besonders bekannt ist Spiekeroog aber auch als Künstler- und Kulturinsel. Seit Generationen zieht die besondere Landschaft Maler, Fotografen, Schriftsteller und Musiker an. Das einzigartige Licht über den Salzwiesen, die endlosen Dübergänge und die weiten Sandstrände bieten unzählige Motive und Inspirationen.

Vor allem unsere Bordkünstlerin Roswitha war von dieser Planänderung sofort begeistert.

Während die übrige Crew hauptsächlich an Wind, Wetter und Wassertiefen dachte, sah Roswitha bereits Bilder, Farben und Motive vor ihrem inneren Auge.

So wurde aus einer rein nautischen Entscheidung plötzlich auch eine kulturelle.

Wieder hinaus auf die Nordsee

Am nächsten Morgen hieß es erneut:

Leinen los.

Interessant ist was für Namen Schiffe bekommen. So haben wir schon ein Fischerschiff DIRK SENIOR gesehen. Nun beim Ablegen in Norderney treffen wir auf BARNEY – ist der Name nun gewählt nach meinem Schulkollegen Bernhard L.?

Die Betty verließ den Hafen von Norderney und nahm Kurs auf die offene Nordsee.

Die Ausfahrt aus Norderney verlangt auch bei ruhigem Wetter Aufmerksamkeit. Wie an vielen Stellen entlang der ostfriesischen Küste bestimmen Priele, Sandbänke und die Gezeiten den Weg. Die betonnten Fahrwasser verändern sich immer wieder und werden regelmäßig angepasst. Wer hier unterwegs ist, sollte den Tonnenstrichen aufmerksam folgen und den Blick nicht nur auf den Kartenplotter richten.

Kaum hatten wir die Hafeneinfahrt hinter uns gelassen, öffnete sich vor uns wieder die weite Nordsee.

Der Horizont schien grenzenlos.

Backbord lagen die Dünen von Norderney langsam achteraus, während vor uns die nächste Etappe unseres Abenteuers begann.

Nach den vielen Planänderungen der vergangenen Tage hatte inzwischen niemand mehr ein Problem damit, ein Ziel kurzfristig zu ändern. Genau das macht das Fahrtensegeln aus: Nicht stur an einem Plan festhalten, sondern sich den Bedingungen von Wind, Wetter und Meer anpassen.

Denn eines haben wir auf dieser Reise bereits gelernt:

Nicht der kürzeste Weg ist immer der beste – manchmal führt gerade der Umweg zu den schönsten Erlebnissen.

Und wer weiß…

Vielleicht wartet auf Spiekeroog bereits das nächste Abenteuer auf die Betty.

Eine entspannte Überfahrt mit kniffligem Finale

Die Überfahrt nach Spiekeroog verlief erfreulich unspektakulär.

Der Wind war zwar eher schwach, kam aber – endlich einmal – überwiegend aus der richtigen Richtung. Nach den vielen Tagen mit Wind genau auf der Nase fühlte sich das fast wie ein kleines Geschenk der Nordsee an.

So glitt die Betty ruhig über das Wasser. Die See zeigte sich freundlich, und wir konnten die Fahrt genießen, ohne ständig neue Strategien gegen Wind und Strömung entwickeln zu müssen.

Doch wie so oft gilt an der Nordsee:

Ist die Überfahrt einfach, wartet die Herausforderung meist bei der Einfahrt.

Die schmale Zufahrt nach Spiekeroog

Die Zufahrt zum Hafen von Spiekeroog gehört zu den anspruchsvolleren Revieren der ostfriesischen Inseln.

Über mehr als eine Seemeile führt das betonnte Fahrwasser durch das Watt. Teilweise ist die Fahrrinne kaum mehr als zwanzig Meter breit. Links und rechts davon liegen ausgedehnte Sandbänke, die bei Niedrigwasser trockenfallen und auch bei auflaufendem Wasser nicht zum Experimentieren einladen.

Besonders markant sind die Buschbaken – mit Reisig oder kleinen Bäumen bestückte Seezeichen, die seit Jahrhunderten den sicheren Weg durch das Watt markieren. Sie wirken auf den ersten Blick ungewöhnlich, erfüllen aber bis heute zuverlässig ihren Zweck: Sie zeigen den Verlauf des Fahrwassers dort an, wo klassische Tonnen wegen der ständigen Veränderungen des Meeresbodens ungeeignet wären.

Mit ruhiger Hand am Steuer und ständigem Blick auf Plotter, Echolot und Seezeichen erreichten wir schließlich den Hafen.

Ein Hafen zum Wohlfühlen

Kaum festgemacht, war klar:

Hier würden wir uns wohlfühlen.

Die Hafenmeisterin empfing uns mit einer Gelassenheit und Herzlichkeit, die perfekt zu Spiekeroog passte. Hilfsbereit, unkompliziert und immer mit einem Lächeln – so wünscht man sich einen Hafenempfang.

Auch der Liegeplatz ließ keine Wünsche offen. Moderne und saubere Sanitäranlagen, gepflegte Stege und eine entspannte Atmosphäre machten sofort Lust, etwas länger zu bleiben.

Und genau das war auch der Plan.

Der nächste Tag sollte ein echter Landtag werden.

Roswitha freute sich bereits darauf, die Künstlerinsel zu entdecken, kleine Galerien zu besuchen und nach Kunstwerken Ausschau zu halten, während der Rest der Crew einfach einmal ohne Zeitdruck durch das Dorf schlendern wollte.

Überraschung auf der Insel

Natürlich hatten wir unser Timing wieder einmal perfekt getroffen.

Kaum legte die Fähre an, strömten hunderte Menschen von Bord.

Allerdings nicht mit Strandtaschen oder Fahrrädern.

Sondern in Laufshirts, Startnummern und Laufschuhen.

Offenbar fand an diesem Wochenende der Spiekerooger Dünenlauf statt – eine traditionsreiche Laufveranstaltung, bei der Teilnehmer verschiedene Distanzen über Dünenwege, Deiche, Strandabschnitte und befestigte Wege der Insel absolvieren. Die Kombination aus Nordseeluft, anspruchsvollem Untergrund und der einmaligen Natur macht den Lauf zu einem besonderen Erlebnis für viele Sportbegeisterte.

Wir hatten also nicht nur eine wunderschöne Insel erwischt, sondern gleich auch noch ein sportliches Großereignis.

Tropennächte an der Nordsee

Was man bei einer Reise an die Nordsee eigentlich nicht erwartet, waren die Temperaturen.

In der vergangenen Nacht zeigte das Thermometer selbst in der Kabine noch 28 Grad.

Und natürlich meldete sich ausgerechnet in dieser Nacht erneut unsere Klimaanlage ab.

Der Grund war inzwischen fast schon Routine.

Der Seewasserfilter hatte sich wieder mit Schmutz zugesetzt.

Eigentlich eine sinnvolle Sicherheitseinrichtung, denn ohne ausreichende Kühlung würde die Anlage Schaden nehmen.

Für unseren Schlafkomfort war diese Schutzfunktion allerdings eher weniger hilfreich.

Also hieß es wieder einmal:

Fenster auf.

Luken öffnen.

Und hoffen, dass wenigstens ein kleiner Luftzug den Weg in die Kabine findet.

Wetterbesprechung mit den Nachbarn

Gegen Mittag traf sich die Crew zur täglichen Lagebesprechung.

Während wir die nächste Etappe Richtung Helgoland planten, kam unser Stegnachbar vorbei.

„Heute Nacht könnte es ordentlich krachen.“

Kurz darauf bestätigte auch die Hafenmeisterin diese Einschätzung. Nach den aktuellen Wetterprognosen bestand tatsächlich die Möglichkeit kräftiger Gewitter mit Starkregen und stürmischen Böen in der Nacht.

Also beschlossen wir, der Betty noch etwas zusätzliche Sicherheit zu gönnen.

Zwei weitere Festmacher wurden ausgebracht und sauber gespannt.

Lieber zehn Minuten mehr Arbeit am Nachmittag als eine unruhige Nacht.

Moin!

Anschließend machten wir uns getrennt auf den Weg durch das autofreie Dorf.

Spiekeroog wirkt beinahe wie eine Filmkulisse.

Schmale Gassen.

Liebevoll gepflegte Gärten.

Reetgedeckte Häuser.

Weiße Zäune.

Blühende Vorgärten.

Sauberkeit überall.

Es fehlte eigentlich nur noch ein Kamerateam.

Roswitha meinte schmunzelnd, das Dorf sehe aus, als hätte Rosamunde Pilcher persönlich das Bühnenbild entworfen.

Besonders angenehm fiel uns die Freundlichkeit der Menschen auf.

Fast jeder grüßte mit einem herzlichen „Moin!“

Und dabei lernten wir gleich noch etwas.

Nicht „Moin Moin“!

Denn wie uns erklärt wurde, sagt man im Norden nur einmal „Moin“. Wer „Moin Moin“ sagt, gilt scherzhaft als Schwätzer – und auf See wie an der Küste weiß man bekanntlich: Viel reden hilft selten.

Einkehr beim Blanken Hans

Zum Mittag zog es uns ins Restaurant Blanker Hans.

Der Name geht auf eine alte norddeutsche Bezeichnung für die stürmische Nordsee zurück. Der „Blanke Hans“ steht sinnbildlich für das unberechenbare Meer, das über Jahrhunderte Sturmfluten brachte und den Küstenbewohnern gleichermaßen Lebensgrundlage wie Gefahr war.

Heute erinnert der Name vielerorts an den respektvollen Umgang mit der Nordsee.

Für uns wurde daraus ein kulinarischer Höhepunkt.

Ein frischer Marktsalat mit gebratenem Fischfilet war genau das Richtige nach unserem Inselspaziergang.

Wir hatten unser Essen gerade noch rechtzeitig beendet.

Denn wenig später kehrten die zahlreichen Läuferinnen und Läufer von ihrem Wettkampf zurück und füllten das Restaurant, bevor sie mit den Fähren wieder aufs Festland übersetzten.

Ein kleiner Vorbote

Gemütlich machten wir uns anschließend auf den Rückweg zur Betty.

Kurz vor dem Hafen öffnete der Himmel noch einmal seine Schleusen.

Ein kurzer, kräftiger Regenschauer erwischte uns auf den letzten Metern.

Nicht schlimm.

Eher ein kleiner Vorbote dessen, was die Nacht möglicherweise noch bringen würde.

An Bord kontrollierten wir ein letztes Mal die zusätzlichen Leinen.

Dann begann die letzte Tidenberechnung für den kommenden Morgen.

Denn auch beim nächsten Auslaufen würde wieder gelten:

Nicht zu früh.

Nicht zu spät.

Genau zum richtigen Zeitpunkt.

Denn nur mit ausreichend Wasser unter dem Kiel lässt sich die schmale Zufahrt sicher passieren.

Und wenn alles nach Plan läuft, wartet morgen endlich das Ziel, das uns nun schon seit mehreren Tagen beschäftigt:

Helgoland.

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