Eigentlich hätte unser Landtag auf Spiekeroog kaum schöner enden können.
Nach einem entspannten Spaziergang durch das malerische Inseldorf, gutem Essen und vielen neuen Eindrücken kehrten wir gemütlich zur Betty zurück. Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden langsam hinter den Dünen, und ein leichter Regen setzte ein.
Es war kein kräftiger Schauer.
Nur ein sanftes Nieseln.
Gerade genug, um die aufgeheizte Luft noch schwüler werden zu lassen. Nach mehreren Tagen mit Temperaturen weit über 30 Grad und tropischen Nächten fühlte sich die Luft an, als hätte jemand einen Deckel auf die Insel gesetzt.
Die Ruhe wirkte fast unwirklich.
Denn alle sprachen nur noch über eines:
Das Unwetter.
Warnungen von allen Seiten
Bereits am Nachmittag hatten uns unsere Stegnachbarn auf die Wetterentwicklung angesprochen.
Auch die Hafenmeisterin bestätigte unsere Vermutung.
Für die Nacht hatte der Deutsche Wetterdienst eine Vorabinformation vor schweren Gewittern für den gesamten Nordwesten Deutschlands herausgegeben. Erwartet wurden schwere Sturmböen bis etwa 100 km/h, lokal sogar orkanartige Böen, dazu heftiger Starkregen, Blitzschlag und Hagel.
Wer mit einem Boot im Hafen liegt, nimmt solche Warnungen sehr ernst.
Denn ein sicher vertäutes Schiff ist nachts zwar gut geschützt – aber eben nur dann, wenn es auch wirklich sorgfältig vorbereitet wurde.
Betty wird sturmfest gemacht
Also begann für uns der zweite Arbeitseinsatz des Tages.
Zusätzliche Festmacher wurden ausgebracht.
Die vorhandenen Leinen nochmals kontrolliert.
Springleinen nachgesetzt.
Fender überprüft.
Jede Leine bekam noch einmal einen prüfenden Blick.
An Bord gilt der alte Grundsatz:
Lieber eine Leine zu viel als eine zu wenig.
Während wir unsere Vorbereitungen abschlossen, meinte einer unserer Stegnachbarn mit norddeutschem Humor:
„Entweder hält das alles – oder wir sehen uns morgen früh oben auf dem Deich wieder.“
Wir lachten.
Ein kleines bisschen nervös allerdings.
Baldurs Bruder übernimmt die Nachtschicht
Mit Einbruch der Dunkelheit begann das Schauspiel.
Zunächst hörten wir nur das entfernte Grollen.
Dann tauchten die ersten Blitze am Horizont auf.
Und schließlich schien es, als hätte Thor, der nordische Gott des Donners – und damit gewissermaßen der große Bruder unseres Bordhundes Baldur – beschlossen, über der Nordsee ein nächtliches Fest zu feiern.
Stundenlang zuckten Blitze über den Himmel.
Immer wieder folgte Sekunden später ein gewaltiger Donnerschlag.
Dazwischen prasselte der Regen in Strömen auf Deck.
Der Wind frischte kräftig auf und ließ die Masten im Hafen pfeifen.
Die Leinen arbeiteten.
Die Fender quietschten.
Immer wieder war das dumpfe Schlagen der Wellen gegen die Stege zu hören.
Für Segler gehören solche Nächte dazu.
Schlafen allerdings nur bedingt.
Wache auf der Betty
Obwohl wir großes Vertrauen in unsere Vorbereitungen hatten, wollte niemand die Verantwortung einfach dem Wetter überlassen.
Mehrmals in der Nacht zog sich jemand wetterfest an und kontrollierte das Schiff.
Sitzen alle Leinen noch?
Scheuern irgendwo die Festmacher?
Halten die Fender ihre Position?
Liegt Betty ruhig?
Jede Kontrolle brachte dieselbe beruhigende Antwort.
Alles in Ordnung.
Unsere Betty hielt dem Unwetter souverän stand.
Sie arbeitete ruhig in ihren Leinen, bewegte sich kontrolliert mit Wind und Wellen und zeigte einmal mehr, warum eine gute Vorbereitung an Bord durch nichts zu ersetzen ist.
Der Morgen danach
Mit den ersten Sonnenstrahlen wurde es still.
Der Regen hatte aufgehört.
Nur vereinzelte Wolken zogen noch über den Himmel.
Wie nach jeder stürmischen Nacht begann im Hafen dasselbe Ritual.
Die ersten Skipper verließen ihre Boote mit einer Tasse Kaffee in der Hand und machten ihren Kontrollgang.
Auch wir gingen einmal um den Hafen.
Zu unserer großen Erleichterung hatte die Betty das Gewitter völlig unbeschadet überstanden.
Ganz ohne Folgen blieb die Nacht allerdings nicht.
An mehreren Stellen im Hafen waren Schäden sichtbar geworden. Ein bis zwei Boote hatten die Belastung nicht ganz so gut überstanden und auch ein Teil eines Steges war beschädigt worden.
Da wurde uns noch einmal bewusst, wie wichtig sorgfältiges Vertäuen gewesen war.
Respekt vor dem Meer
Solche Nächte erinnern jeden Fahrtensegler daran, dass man die Natur niemals unterschätzen sollte.
Moderne Wettervorhersagen helfen uns heute zwar, Unwetter frühzeitig zu erkennen.
Entscheidend bleibt jedoch immer das eigene Handeln.
Leinen kontrollieren.
Vorsorgen.
Nicht darauf vertrauen, dass „es schon gut gehen wird“.
Die Betty hatte diese Prüfung mit Bravour bestanden.
Und auch die Crew konnte nach einer kurzen, aber ereignisreichen Nacht aufatmen.
Der Himmel wurde wieder blau.
Die Luft fühlte sich endlich angenehm frisch an.
Und irgendwo hinter dem Horizont wartete noch immer unser eigentliches Ziel.
Helgoland.
Vielleicht würde es diesmal endlich klappen.
Endlich Helgoland – Vollgetankt, gut versorgt und neue Freunde gefunden
Nach der stürmischen Nacht in Spiekeroog zeigte sich der Morgen von seiner freundlichen Seite. Die Luft war deutlich kühler als noch am Vortag, der Himmel lockerte auf und die Betty hatte das Unwetter unbeschadet überstanden.
Nachdem alle zusätzlichen Leinen wieder eingeholt, das Schiff seeklar gemacht und die letzten Vorbereitungen abgeschlossen waren, hieß es gegen 9 Uhr erneut:
Leinen los!
Mit der Flut – aber gegen den Strom
Wir legten bewusst mit der beginnenden Flut ab. Eigentlich klingt das zunächst widersprüchlich, denn im Fahrwasser mussten wir zunächst gegen die Strömung ankämpfen.
Der Grund dafür liegt in den besonderen Gezeitenverhältnissen der ostfriesischen Inseln. Je nach Lage eines Priels oder Fahrwassers kann die Strömung zeitlich leicht versetzt einsetzen. Hätten wir jedoch auf die vollständig ablaufende Tide gewartet, wäre es bereits Nachmittag geworden – wertvolle Stunden für die Überfahrt nach Helgoland wären verloren gegangen.
Also entschieden wir uns für den früheren Start.
Eine gute Entscheidung.

Endlich einmal passt der Wind
Fast schon ungewohnt kam der Wind diesmal aus der richtigen Richtung.
Keine endlosen Kreuzschläge.
Kein Motor gegen Wind und Welle.
Die Betty lief ruhig und zügig ihrem nächsten großen Etappenziel entgegen.
Die Nordsee zeigte sich von ihrer angenehmen Seite, und so konnten wir die Überfahrt in vollen Zügen genießen.
Die Straße der Großschiffe
Auf dem Weg nach Helgoland mussten wir eine der meistbefahrenen Schifffahrtsstraßen Europas queren.
Hier verkehren die riesigen Containerfrachter, Tanker, Massengutfrachter und Kreuzfahrtschiffe auf ihrem Weg die Elbe hinauf nach Hamburg oder von dort wieder hinaus in die Nordsee.
Diese sogenannten Verkehrstrennungsgebiete sind gewissermaßen die Autobahnen der Schifffahrt. Die Fahrtrichtungen sind klar voneinander getrennt und für kleinere Sportboote gelten besondere Regeln. Nach den internationalen Kollisionsverhütungsregeln sollten solche Schifffahrtswege möglichst rechtwinklig gekreuzt werden, um die Aufenthaltsdauer im Fahrwasser so kurz wie möglich zu halten.
Mit aufmerksamem Blick auf AIS, Radar und Horizont warteten wir auf den richtigen Moment.
Dann ging alles ganz entspannt.
Ein Schiff nach dem anderen passierte in sicherem Abstand, und schon wenig später lag die Schifffahrtsstraße wieder achteraus.
Erst einmal bunkern
Je näher Helgoland kam, desto häufiger wanderte unser Blick auf die Tankanzeige.
Oder besser gesagt auf das, was wir mittlerweile für eine Tankanzeige hielten.
Nach unseren bisherigen Erfahrungen wussten wir inzwischen, dass sie eher als grobe Schätzung denn als exakte Messung zu verstehen war.
Bevor wir überhaupt an einen Liegeplatz dachten, nahmen wir deshalb Kontakt mit der Bunkerstation auf.
Im maritimen Sprachgebrauch spricht man nicht vom Tanken, sondern vom Bunkern. Ursprünglich stammt der Begriff aus der Zeit der Dampfschiffe, als Kohle in sogenannte Bunker geladen wurde. Heute bezeichnet Bunkern allgemein das Auffüllen von Treibstoff für Schiffe.
Also liefen wir zunächst den Binnenhafen an.
Dort wurde der Tank randvoll gefüllt.
Und nun kam die Überraschung.
Nach unseren Berechnungen hätten eigentlich zwischen 400 und 500 Liter Diesel in den Tank passen müssen.
Tatsächlich waren es lediglich rund 280 Liter.
Plötzlich ergab vieles Sinn.
Offenbar besitzt unser Dieseltank gar nicht die vermuteten 500 Liter, sondern eher zwischen 350 und maximal 400 Liter Fassungsvermögen.
Und wenn der baugleiche Frischwassertank tatsächlich dieselbe Größe besitzt, erklärt das auch unseren vergleichsweise hohen Wasserverbrauch.
Manchmal bringt einen erst ein voller Tank auf neue Erkenntnisse.
Umzug in den Südhafen
Nach dem Bunkern wechselten wir in den Südhafen.
Dort befinden sich die Liegeplätze für Gastlieger.
Helgoland selbst ist Deutschlands einzige Hochseeinsel und liegt rund 70 Kilometer vom Festland entfernt. Seit Jahrhunderten dient die Insel Seefahrern als wichtiger Orientierungspunkt in der Deutschen Bucht. Heute ist sie nicht nur wegen ihrer einzigartigen roten Felsen und der berühmten „Langen Anna“ bekannt, sondern auch als beliebter Zwischenstopp für Segler auf dem Weg zwischen den Niederlanden, Deutschland und Dänemark.
Unsere Vorfreude erhielt allerdings zunächst einen kleinen Dämpfer.
Der Hafen war voll.
Richtig voll.
Es blieb nur eine Möglichkeit.
Ins Päckchen
Der Hafenmeister wies uns einen Platz im Päckchen zu.
Als Päckchenliegen bezeichnet man das Festmachen längsseits eines bereits im Hafen liegenden Bootes. Statt direkt am Steg liegt man also außen an einem anderen Schiff. Dieses Verfahren ist in vielen Tidenhäfen und beliebten Seglerhäfen völlig normal, wenn der Platz knapp wird.
Der Nachteil liegt auf der Hand.
Wer ganz außen liegt, kommt nur über die anderen Boote an Land.
Für unsere Crew war das kein großes Problem.
Für Baldur dagegen schon.
Ein Hund springt schließlich nicht mal eben elegant von Boot zu Boot.
Wir machten längsseits einer wunderschönen klassischen Holzyacht fest.
Ihre Besitzer waren gerade unterwegs, sodass wir zunächst in Ruhe ankommen konnten.
Landgang und Wartungsarbeiten
Während Henry und Roswitha sich auf den Weg machten, den Hafenmeister zu besuchen und noch einige Besorgungen auf der Insel zu erledigen, nutzten wir die Zeit sinnvoll.
Die inzwischen fast schon obligatorische Filterwartung stand auf dem Programm.
Der Seewasserfilter der Klimaanlage wurde gereinigt.
Anschließend war der Generator an der Reihe.
Offenbar bringt das schwebstoffreiche Wasser der Nordsee deutlich mehr Sand, Algen und Muschelschalen mit sich, als wir ursprünglich erwartet hatten. Die Filter setzen sich wesentlich schneller zu als in vielen Binnengewässern.
Nach der Reinigung lief wieder alles wie es sollte.
Währenddessen begann aus der Kombüse bereits ein herrlicher Duft aufzusteigen.
Auf dem Speiseplan standen marinierte Hühnerstücke mit einer cremigen Champignonsauce.
Nach einem langen Seetag genau das Richtige.
Mission Baldur
Noch bevor das Essen fertig war, kehrten die Besitzer der Holzyacht zurück.
Sie begrüßten uns ausgesprochen herzlich und lernten natürlich auch sofort unseren Bordhund Baldur kennen.
Den beiden fiel schnell auf, dass Baldur zwar dringend an Land wollte, sich aber partout nicht auf der Betty lösen wollte.
Kurzerhand entstand eine spontane Rettungsaktion.
Gemeinsam hoben wir Baldur zunächst vorsichtig auf die Holzyacht.
Von dort ging es weiter über den Steg.
Kaum hatte er festen Boden unter den Pfoten, marschierte er gemeinsam mit Yvonne zielstrebig davon, um sämtliche dringenden Geschäfte in aller Ruhe zu erledigen.
Offenbar hatte sich über den Tag einiges angestaut.
Nach erfolgreicher Mission wurde Baldur natürlich genauso vorsichtig wieder zurück an Bord gebracht.
Wir hätten uns keine hilfsbereiteren Stegnachbarn wünschen können.
Neue Freunde im Gästelogbuch
Solche Begegnungen sind es, die das Fahrtensegeln besonders machen.
Menschen, die man vor wenigen Minuten noch nicht kannte, helfen selbstverständlich, als würde man sich seit Jahren kennen.
Natürlich durfte deshalb unsere Sofortbildkamera nicht fehlen.
Gemeinsam machten wir ein Erinnerungsfoto.
Anschließend baten wir unsere neuen Nachbarn um einen Eintrag in unser Gästelogbuch.
Dort dürfen sich ausschließlich Freunde, Gäste und die guten Geister unserer Reise verewigen.
Nach diesem Tag gehörten sie eindeutig dazu.
Alles in bester Ordnung
Am Ende des Tages konnten wir zufrieden Bilanz ziehen.
- Der Dieseltank war wieder randvoll.
- Die Klimaanlage funktionierte wieder.
- Auch der Generator bekam ausreichend Kühlwasser.
- Baldur war glücklich, entspannt und – mindestens genauso wichtig – endlich wieder leer. Kurz darauf bekam er natürlich auch sein wohlverdientes Abendessen.
- Und in der Kombüse wartete bereits unser Hühnchen in Champignonrahmsauce auf die hungrige Crew.
Jetzt fehlten nur noch Henry und Roswitha, die jeden Moment von ihrem Landgang zurückkehren sollten. Die Moment zögert sich noch hinaus und die beiden kamen leicht schwankend wie einst Piraten vom Landgang zurück – Yo Ho Ho und ne Buddel voll Rum!
Während über Helgoland langsam die Abendsonne unterging, begann bereits die nächste Teambesprechung – naja eine sehr abgekürzte, dass Yvonne und ich um 5 Uhr auslaufen werden.
Der Wecker würde am nächsten Morgen wieder früh klingeln.
Geplant war das Auslaufen Richtung Cuxhaven oder vielleicht sogar Brunsbüttel.
Doch wie wir inzwischen gelernt haben, entstehen auf einer Segelreise die schönsten Geschichten meist genau dann, wenn der ursprüngliche Plan noch einmal geändert wird.
Welches Ziel morgen tatsächlich im Logbuch stehen würde?
Das würde – wie so oft – die Nordsee entscheiden.



























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