Gemächlich durch den Nord-Ostsee-Kanal – von Brunsbüttel bis Rendsburg
Der Morgen in Brunsbüttel begann eigentlich ganz nach Plan. Gegen neun Uhr wollten wir ablegen und die erste Etappe auf dem Nord-Ostsee-Kanal (NOK) in Angriff nehmen. Doch die Nacht hatte ihre Spuren hinterlassen. Nachdem Deutschland am Vorabend ausgeschieden war, wurde offenbar auf einigen Booten etwas länger gefeiert. Das Ergebnis: Gleich zwei Yachten hatten sich bei uns ins Päckchen gelegt.
Zur Erklärung: Als Päckchen liegen bezeichnet man es, wenn Boote nicht einzeln am Steg festmachen, sondern längsseits an einem bereits festgemachten Boot. Das spart Platz im Hafen und gehört zum ganz normalen Hafenleben. Voraussetzung ist allerdings, dass die Crew des inneren Bootes irgendwann auch wieder losfahren kann.
Für uns war das zunächst kein Problem – vorausgesetzt, die Nachbarn würden rechtzeitig wach werden.
Während wir unsere Leinen vorbereiteten, Fender kontrollierten und alles für die Abfahrt klarmachten, gaben wir der schlafenden Crew noch eine gute Viertelstunde. Irgendwann half aber alles nichts mehr.
Ein kräftiges „Hallo, guten Morgen!“ schallte über das Wasser.
Nach ein paar Minuten erschien tatsächlich ein zerzauster blonder Wuschelkopf aus dem Niedergang. Ich erklärte freundlich, dass wir ganz gerne losfahren würden. Der Wuschelkopf verschwand kommentarlos wieder im Boot – und keine fünf Minuten später war die komplette Crew auf den Beinen. Auch das zweite Boot im Päckchen wurde wach, die Motoren starteten, Leinen wurden gelöst und schon machten beide Schiffe Platz. Allerdings nur bis zum nächsten Liegeplatz. Ich vermute, dort wurde der wohlverdiente Schlaf einfach fortgesetzt.
Nun waren wir an der Reihe.
Motoren an. Leinen los.
Die ersten Meter auf dem Nord-Ostsee-Kanal lagen vor uns.
Schon kurz nach der Ausfahrt begegneten uns die ersten Fähren. Sie queren den Kanal in erstaunlichem Tempo und verbinden die beiden Ufer miteinander. Für Freizeitskipper heißt das: aufmerksam bleiben und die Fähren stets im Blick behalten.
Ansonsten zeigt sich der Kanal zunächst von seiner ruhigen Seite. Links und rechts säumen Büsche und hohe Bäume das Ufer. Vermutlich verläuft auf einer Seite auch ein Radweg, doch Radfahrer bekommen wir kaum zu Gesicht. Dafür steht hin und wieder ein Angler am Ufer, die Rute ausgeworfen, voller Hoffnung auf den nächsten Fang.
Die Landschaft verändert sich nur langsam. Genau das macht den besonderen Reiz des NOK aus. Keine spektakulären Kurven, keine hohen Wellen – stattdessen eine ruhige, fast meditative Fahrt. Doch gerade diese scheinbare Gelassenheit darf nicht täuschen.
Als Skipper bleibt man ständig konzentriert. Immer wieder nähern sich Fähren, dann tauchen am Horizont die gewaltigen Containerschiffe auf, die einem entgegenkommen. Diese schwimmenden Giganten benötigen verständlicherweise den größten Teil der Fahrrinne. Dazu kommen Schwäne, Enten und anderes Getier, das den Kanal genauso selbstverständlich nutzt wie wir.
Unser Tagesziel ist Rendsburg, etwa zwei Drittel der Strecke von Brunsbüttel bis Kiel.

Kurz davor wartet eines der bekanntesten Bauwerke am Nord-Ostsee-Kanal: die berühmte Schwebefähre Rendsburg. Sie gehört zur imposanten Rendsburger Hochbrücke, einer Eisenbahnbrücke aus dem Jahr 1913. Während die Züge hoch über dem Kanal rollen, hängt darunter eine Fähre an Stahlseilen, die Autos, Fahrräder und Fußgänger von einem Ufer zum anderen bringt – ohne selbst das Wasser zu berühren. Weltweit gibt es nur noch wenige dieser außergewöhnlichen Konstruktionen.
Für viele Crews ist sie einer der Höhepunkte der gesamten Kanalfahrt – und auch wir freuen uns schon darauf, dieses technische Meisterwerk aus nächster Nähe zu erleben.
Kurz bevor wir die berühmte Schwebefähre Rendsburg erreichen, wird die bis dahin so entspannte Kanalfahrt noch einmal spannend.
Aus dem Augenwinkel entdecke ich plötzlich einen der bereits erwähnten Ozeanriesen – allerdings nicht vor uns, sondern von hinten. Ein schneller Blick nach achtern bestätigt den Verdacht: Das Containerschiff kommt zügig näher.
Wir schieben die Gashebel etwas weiter nach vorne. Statt gemütlicher Fahrt laufen wir nun etwa 5,5 Knoten. Das klingt zunächst ordentlich, doch gegen die 6,8 Knoten des Frachters ist das nur ein kleiner Unterschied. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis er uns einholt.
Zum Glück liegt unsere Abzweigung direkt hinter der Schwebefähre.
Jetzt heißt es: den richtigen Moment erwischen. Die Berufsschifffahrt hat auf dem Nord-Ostsee-Kanal immer Vorrang, und niemand möchte einen mehrere hundert Meter langen Frachter ausbremsen. Also beobachten wir aufmerksam den Abstand, passieren die Schwebefähre und biegen im passenden Moment steuerbord in den Kanal zum Yachthafen Rendsburg ab.
Geschafft.
Kaum verlassen wir den großen Schifffahrtsweg, kehrt sofort wieder Ruhe ein. Der Hafen wirkt fast wie eine kleine Oase nach dem geschäftigen Verkehr auf dem Kanal. Alles ist sehr gepflegt, die Stege machen einen hervorragenden Eindruck und wir werden von einer ausgesprochen netten und hilfsbereiten Hafenmeisterin empfangen. Strom und Wasser sind selbstverständlich vorhanden – genau das, was man nach einem entspannten, aber dennoch aufmerksamen Fahrtag schätzt.
Und als wäre das nicht schon angenehm genug, liegt direkt neben dem Hafen auch noch ein gemütliches Lokal. Die Entscheidung für den Abend ist damit schnell getroffen. Nach einem Tag auf dem Wasser darf es ruhig auch einmal die Küche übernehmen.
Der Blick auf den Wetterbericht verspricht allerdings nichts Gutes. Für morgen sind kräftiger Regen und Gewitter angekündigt. Viel spricht dafür, dass wir einen Hafentag einlegen werden. Aber auch das gehört zum Fahrtensegeln dazu. Nicht jeder Tag besteht aus Meilen sammeln. Manchmal ist es genauso schön, einfach einmal festzumachen, den Regen vom Salon aus zu beobachten und den nächsten Schlag in Ruhe zu planen.
Der Hafentag bei Regen tut gut.
Mal sehen, was das Wetter tatsächlich macht und welche Erlebnisse der letzte Abschnitt auf dem Nord-Ostsee-Kanal noch für uns bereithält.
Moin Ostsee – die letzten Meilen auf dem Nord-Ostsee-Kanal
„Moin!“ – wie man hier im Norden zu jeder Tageszeit sagt.
Für Eric und Yvonne beginnt der Tag allerdings schon um 5 Uhr. Der Wecker klingelt erbarmungslos. Heute heißt es früh raus, denn wir möchten den restlichen Nord-Ostsee-Kanal hinter uns bringen und noch rechtzeitig durch die Schleuse in Kiel-Holtenau auf die Ostsee gelangen.
Warum diese Eile?
Ein Blick auf den Wetterbericht genügt. Für Donnerstagnachmittag und den gesamten Freitag haben die Meteorologen für die westliche Ostsee und die Kieler Bucht kräftige Gewitter, anhaltenden Starkregen sowie stürmische Böen bis Sturmstärke angekündigt. Auf See können sich dabei innerhalb kurzer Zeit hoher Wellengang und schwierige Bedingungen entwickeln. Da möchten wir lieber schon sicher im Hafen liegen, als uns draußen mit Wind und Wellen herumzuschlagen.
Nachdem Baldur seine morgendliche Gassi-Runde hinter sich gebracht hat, die Leinen gelöst und alle Vorbereitungen abgeschlossen sind, verlassen wir gegen 5:30 Uhr den Hafen.
Das Wasser ist spiegelglatt. Fast lautlos gleitet Betty zurück in Richtung Nord-Ostsee-Kanal.

Doch die Ruhe hält nicht lange.
Plötzlich verliert der Backbordmotor für einen kurzen Moment den Schub.
Sofort gehen die Gedanken los. Hat sich vielleicht eine Leine in der Schraube verfangen? Ein schneller Kontrollblick nach achtern zeigt: Alle Leinen sind an Bord, nichts hängt im Wasser. Vielleicht Seegras? Oder ein Stück Treibgut?
Die wahrscheinlichere Ursache scheint jedoch die elektronische Servosteuerung des Verstellpropellers zu sein.
Und wie bei vielen Computerproblemen gilt offenbar auch an Bord die erste Regel der IT: Einfach mal neu starten.
Also Motoren aus, Servosteuerung abschalten, etwa zwanzig Sekunden warten und anschließend alles wieder hochfahren.
Zum Glück funktioniert danach wieder alles tadellos.
Betty läuft erneut in den Nord-Ostsee-Kanal ein. Gleich zu Beginn begegnen uns drei gewaltige Frachtschiffe, die uns entgegenkommen. Danach zeigt sich wieder das vertraute Bild: links und rechts die begrünten Böschungen, dazwischen das ruhige Fahrwasser.
Monoton wird es trotzdem nie.
Die Aufmerksamkeit muss permanent hoch bleiben. Berufsschiffe, Fähren, Freizeitboote – und immer wieder die eigene Position im Fahrwasser.
Noch bevor wir Kiel erreichen, fällt am Ufer ein Werftgelände ins Auge, dessen Name in der Welt des Yachtbaus einen beinahe legendären Klang hat: Lürssen.
Die Lürssen-Werft wurde bereits 1875 gegründet und zählt heute zu den renommiertesten Schiffbauunternehmen der Welt. International bekannt ist das Familienunternehmen vor allem für den Bau von Superyachten – luxuriösen Motoryachten mit Längen von oft weit über 100 Metern, die für Eigner aus aller Welt individuell entworfen und gebaut werden. Viele der größten und technisch aufwendigsten Privatyachten der Welt stammen aus den Hallen von Lürssen.
Neben exklusiven Megayachten baut die Werft auch Spezial- und Marineschiffe für verschiedene Staaten. Die Fertigung erfolgt an mehreren Standorten in Norddeutschland, unter anderem auch in der Region rund um Kiel.
Vom Wasser aus wirkt das Werftgelände zunächst unscheinbar. Erst wenn man sich bewusst macht, welche schwimmenden Giganten hier entstehen, bekommt der Anblick eine ganz andere Bedeutung. Hinter den großen Hallen und Docks werden regelmäßig Schiffe gebaut, deren Wert in die Hunderte Millionen Euro geht und die später in den schönsten Revieren der Welt unterwegs sind.
Schon beeindruckend, dass unsere Betty auf derselben Wasserstraße unterwegs ist wie einige der exklusivsten Yachten der Welt – wenn auch in einer etwas anderen Größenordnung.



Zum Glück gibt es ein bewährtes Mittel gegen jede aufkommende Müdigkeit:
Kaffee.
Und zwar reichlich.
Doppelte Menge, doppelte Stärke.
Unsere Tchibo (ehemals Eduscho)-Kaffeemaschine gehört inzwischen zu den wichtigsten Geräten an Bord. Sie läuft praktisch den ganzen Tag. In gut einem Monat haben wir schätzungsweise drei Kilogramm Kaffeebohnen verbraucht. Man könnte fast sagen: Der Motor bringt Betty voran – der Kaffee die Crew.
Langsam erreichen wir den letzten Abschnitt des Nord-Ostsee-Kanals.
Vor uns liegt die Schleuse von Kiel-Holtenau, das Tor zwischen Nordsee und Ostsee. Mehrere Segelboote, die uns zuvor überholt hatten, warten bereits vor der Einfahrt und dürfen gerade in die Schleuse einlaufen, als auch wir aufschließen.
Dieses Mal geht es nicht in die historische kleine Schleuse, sondern in eine der großen.
Und groß ist fast noch untertrieben.
Selbst ein kleiner Frachter wirkt darin beinahe verloren. Zusammen mit sieben Segelyachten verteilt sich die Flotte über die riesige Kammer, in der noch mühelos deutlich größere Schiffe Platz finden würden.
Es wird noch auf einen weiteren Segler gewartet.
Dann setzt sich langsam das gewaltige Schleusentor in Bewegung. Zentimeter für Zentimeter schiebt sich die mehrere Meter hohe Stahlkonstruktion auf die gegenüberliegende Seite zu, bis sich die Tore mit beeindruckender Präzision schließen.
Vom eigentlichen Schleusenvorgang bekommen wir kaum etwas mit. Kein spürbares Heben oder Senken, keine Strömung – lediglich das charakteristische Klingeln, das ein wenig an eine Schulglocke erinnert, verrät uns, dass die nächste Phase beginnt.
Kurz darauf öffnet sich das vordere Schleusentor.
Langsam setzt sich die kleine Flotte in Bewegung.
Ein paar Meter noch…
…und dann ist es geschafft.
Vor uns liegt die Ostsee.
Kaum haben wir die Schleuse verlassen, heißt es: Jetzt schnell in einen sicheren Hafen.
Bereits während unserer Fahrt auf dem Nord-Ostsee-Kanal hatten wir den Hafenmeister vom Yachthafen Kiel-Stickenhörn kontaktiert. Ein Liegeplatz auf Steg 11 war für uns reserviert – perfekt, denn mit den angekündigten Sturmwarnungen möchten wir keine Zeit verlieren.
Die Hafeneinfahrt zu finden, erweist sich allerdings schwieriger als gedacht.
Vom Wasser aus ist sie kaum zu erkennen. Die Kaimauern sind versetzt angeordnet, sodass sich die Einfahrt erst im letzten Moment öffnet. Dazu frischt der Wind inzwischen deutlich auf. Mit etwas Schwung steuern wir Betty in den Hafen.
Steg 11 ist schnell gefunden.
Der vermeintliche Liegeplatz auch.
Langsam laufen wir ein – bis mir im allerletzten Augenblick auffällt, dass das Nachbarboot einen ungewöhnlich langen Bugspriet besitzt. Ein Bugspriet ist ein nach vorne über den Bug hinausragender Mast oder Ausleger, an dem bei Segelbooten unter anderem Vorsegel angeschlagen werden. Je nach Boot kann er weit über den eigentlichen Rumpf hinausragen.
Und genau dieser Bugspriet ragt in unseren Liegeplatz.
Voll Kraft rückwärts!
Im selben Moment erwischt uns eine kräftige Windböe und versetzt Betty seitlich. Die erste deutliche Warnung des aufziehenden Sturms.
Also Plan B.
Nur einen Steg weiter entdecken wir einen freien und passend aussehenden Liegeplatz. Nichts wie hin.
Doch kaum sind wir auf Kurs, trifft uns die nächste Böe mit voller Breitseite. Der Wind drückt Betty quer gegen die Dalben der Hafengasse. Dalben sind fest im Grund verankerte Stahl- oder Holzpfähle, an denen Boote festmachen oder die die Liegeplätze begrenzen. In diesem Moment werden sie für uns allerdings eher zum Hindernis.
Kurz scheint es, als kämen wir gar nicht mehr frei.
Gemeinsam drücken wir das Boot mit vereinten Kräften von den Dalben ab, während die Motoren rückwärts gegen Wind und Abdrift arbeiten. Zentimeter für Zentimeter gewinnen wir wieder die Kontrolle.
Der zweite Anlauf.
Vorwärts wird das heute nichts.
Zum Glück lässt sich Betty dank ihrer beiden Motoren hervorragend manövrieren. Also drehen wir das Boot und laufen den Liegeplatz rückwärts an. Langsam, kontrolliert und gegen den Wind.
Die erste Leine fliegt.
Sie sitzt.
Dann die zweite.
Kurz darauf die dritte.
Wir haben endlich Verbindung zum Steg.
Jetzt wird Betty sturmsicher vertäut. Zusätzliche Springleinen werden ausgebracht. Diese längs verlaufenden Festmacher verhindern, dass sich das Boot bei Wind oder Schwell nach vorne oder hinten bewegt – heute definitiv keine übertriebene Vorsichtsmaßnahme.
Landstrom anschließen.
Die Bordleiter für den Landgang montieren.
Fertig.
Betty liegt sicher.
Und das rechtzeitig, bevor das angekündigte Unwetter richtig loslegt.
Die Ankunft auf der Ostsee muss natürlich gefeiert werden. Dafür holen wir die letzten Reste des Enzian-Schnapses hervor, den uns unsere liebe Nachbarin Astrid zum Abschied mit auf den Weg gegeben hat. Ein kleiner Schluck auf die gelungene Kanaldurchfahrt und den sicheren Liegeplatz – besser kann man die Ostsee kaum begrüßen.




























Natürlich hat auch Baldur inzwischen dringende Termine.
Also geht es gemeinsam an Land.
Kaum auf festem Boden angekommen, begrüßt er sein neues Revier auf seine ganz eigene Art und versieht den ersten Busch mit seiner persönlichen Duftmarke.
Bei unserem Spaziergang schauen wir auch gleich beim Hafenmeister vorbei, melden uns offiziell an und bezahlen die Hafengebühren. Außerdem erkundigen wir uns nach den Möglichkeiten, mit dem Bus oder der Fähre in die Kieler Innenstadt zu gelangen.
Erst später fällt uns auf, dass wir eine entscheidende Frage vergessen haben:
Wie lautet eigentlich das WLAN-Passwort?
Nun bleibt zu hoffen, dass unsere Starlink-Verbindung dem angekündigten Sturm standhält. Denn heute Abend um 21 Uhr wartet noch ein weiteres wichtiges Ereignis:
Österreich spielt gegen Spanien um den Einzug in die nächste Runde.
Auch das möchten wir uns natürlich nicht entgehen lassen.
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