Landgang – oder wie aus einem Tag plötzlich sechs wurden

Eigentlich war der Plan ganz einfach.

Nach unserer Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal wollten wir im Yachthafen Kiel-Stickenhörn nur einen Tag bleiben. Wetter beruhigen lassen, Vorräte auffüllen und dann weiter Richtung Ostsee.

Aus einem Tag wurden am Ende sechs.

Manchmal schreibt eben nicht der Skipper den Fahrplan, sondern das Wetter.

Sicher im Hafen

Nach unserer recht sportlichen Ankunft lagen wir endlich sicher vertäut. Die Sturmwarnungen wurden inzwischen immer konkreter und wir waren froh, nicht mehr draußen auf See zu sein.

Mit dem WLAN wurde es allerdings nichts.

Das Passwort hatten wir beim Hafenmeister schlicht vergessen zu erfragen. Also musste unsere Starlink-Verbindung herhalten – solange Wind und Wetter die Satellitenverbindung nicht allzu sehr fordern würden.

Thor schwingt den Hammer

In der Nacht zeigte sich dann, warum wir den Wetterbericht ernst genommen hatten.

Gewitter zogen über Kiel. Blitze zuckten über den Himmel, Donner rollte minutenlang über die Förde und der Regen prasselte auf Bettys Deck.

Fast hatte man den Eindruck, Thor, der nordische Gott des Donners – und damit gewissermaßen Baldurs Bruder in der nordischen Mythologie – schwinge höchstpersönlich seinen gewaltigen Hammer Mjölnir.

Vielleicht war er genauso enttäuscht wie wir.

Denn Österreich musste sich am Abend zuvor geschlagen geben. Blitz und Donner passten irgendwie perfekt zu unserer Stimmung.

Auf in die Stadt

Am nächsten Morgen sollte es endlich einmal an Land gehen.

Unser Ziel: die Kieler Innenstadt.

Ein Taxi war schnell bestellt.

Oder zumindest dachten wir das.

Die freundliche Dame in der Taxizentrale erklärte uns allerdings, dass die Fahrzeuge nicht bis in den Hafen fahren dürfen. Also machten wir uns mit Baldur und guter Laune auf den rund einen Kilometer langen Fußmarsch bis zur Straße.

Als wir dort ankamen, war das Taxi natürlich längst wieder verschwunden.

Also Plan B.

Uber.

Und das funktionierte überraschend problemlos – sogar mit Hund.

Kiel entdecken

Unser Fahrer setzte uns direkt am Rathausplatz ab.

Natürlich wollten wir zunächst im berühmten Ratskeller einkehren. Doch nach einer guten halben Stunde, in der uns niemand auch nur wahrnahm, beschlossen wir einstimmig:

Dann eben nicht.

Die Kieler Innenstadt zeigt sich lebendig, mit vielen kleinen Geschäften und Einkaufspassagen. Gleichzeitig wirkt sie an manchen Stellen deutlich weniger gepflegt, als wir es zuletzt auf Spiekeroog erlebt hatten.

Der kräftige Wind fegt durch die Straßen und erinnert uns ständig daran, dass draußen auf der Ostsee gerade kein gemütliches Segelwetter herrscht.

Also gönnen wir uns lieber einen richtig guten Cappuccino in einem kleinen, sympathischen Café und beobachten das bunte Treiben.

Mission Proviant

Danach steht der Großeinkauf auf dem Programm.

Netto ist unser Ziel.

Yvonne wartet mit Baldur vor dem Markt, während ich bewaffnet mit Einkaufswagen und Einkaufsliste durch die Regale marschiere.

Am Ende ist der Wagen randvoll.

Proviant für ungefähr zwei Wochen verschwindet darin.

Jetzt muss das Ganze nur noch zurück aufs Boot.

Und genau jetzt beginnt das eigentliche Abenteuer.

Das Taxi-Abenteuer

Vier Uber-Fahrten werden nacheinander angefragt.

Viermal kommt niemand.

Ob Hund oder die Menge unserer Einkäufe der Grund ist, erfahren wir nicht.

Also wieder zurück zum klassischen Taxi.

Das erste hält kurz an, fährt dann aber kommentarlos einfach weiter.

Das zweite lehnt freundlich ab.

Ein Hund sei kein Problem – allerdings nur mit einer richtigen Decke. Eine Jacke reiche dafür leider nicht aus.

Nach einem weiteren Telefonat mit der Taxizentrale findet sich schließlich doch noch ein Fahrer.

Ganz begeistert wirkt er allerdings nicht.

„Einkäufe transportieren wir normalerweise nicht.“

Ich frage mich unwillkürlich:

Wofür gibt es eigentlich Taxis?

Am Ende bringt er uns aber doch bis direkt zum Hafen.

Und diesmal darf das Taxi sogar bis an unseren Steg fahren.

Hilfe kommt gerade recht

Dort wartet bereits Henry mit seinem Bollerwagen.

Gemeinsam schaffen wir Kiste für Kiste, Tasche für Tasche und Beutel für Beutel an Bord.

Vielen Dank, Henry – ohne deine Hilfe wäre das deutlich schweißtreibender geworden.

Anschließend verschwindet der gesamte Proviant in Schränken, Staufächern und unter den Kojen.

Erstaunlich, was alles in einem Boot untergebracht werden kann.

Aus einem Tag werden sechs

Beim Blick auf die neuesten Wetterkarten wird schnell klar:

An Weiterfahren ist vorerst nicht zu denken.

Wind und Regen bestimmen weiterhin das Wettergeschehen auf der Ostsee.

Also verlängern wir unseren Aufenthalt und buchen beim Hafenmeister gleich mehrere zusätzliche Nächte.

Nicht gerade das, was wir geplant hatten.

Aber genau das macht Fahrten auf dem Wasser aus.

Man plant.

Das Wetter entscheidet.

Zufälle, die eine Reise besonders machen

Am Abend sitzen wir mit Baldur auf einer Parkbank am Hafen.

Da fährt plötzlich ein Auto vorbei.

Der Fahrer hält an.

Es ist der ältere Herr, mit dem wir uns am Vormittag bereits über Betty unterhalten hatten.

„Und was macht ihr morgen?“, fragt er.

Eigentlich…

…nichts.

„Dann zeige ich euch morgen Kiel.“

Ein Satz, den wir so nicht erwartet hatten.

Kurzerhand lädt uns Manfred zu einer privaten Stadtrundfahrt ein.

Treffpunkt:

Sonntag, 10 Uhr.

Direkt am Steg.

Wie cool ist das denn?


Sonntag

Pünktlich um zehn Uhr fahren Manfred und seine Frau im Hafen vor.

Sie holen uns direkt am Steg ab.

Und wir ahnen noch nicht, dass dieser Tag uns Ecken von Kiel zeigen wird, die man als normaler Tourist vermutlich nie zu Gesicht bekommt.

Kiel entdecken, rätselhafte Wasserwege und eine unerwartete Verlängerung

Sonntag – Kiel aus einer ganz anderen Perspektive

Pünktlich um zehn Uhr stehen Manfred und seine Frau am Steg.

Statt einer gewöhnlichen Stadtrundfahrt erwartet uns eine Führung, wie man sie als Tourist wohl nur selten erlebt. Manfred kennt Kiel wie seine Westentasche und zeigt uns Plätze, an denen wir alleine vermutlich nie gelandet wären.

Schon nach wenigen Minuten fällt auf, wie sehr sich hier alles um die Marine dreht.

Wir fahren vorbei an modernisierten Kasernen und aufwendig sanierten Gebäuden, die erst im vergangenen Jahr wieder für die Deutsche Marine hergerichtet wurden. Überall wird gebaut. Neue Hallen entstehen, bestehende Anlagen werden erweitert und modernisiert.

Besonders beeindruckend sind die riesigen Fertigungshallen für den Bau neuer U-Boote.

Im Hafen selbst liegen dagegen erstaunlich wenige Marineschiffe.

„Die meisten sind unterwegs“, erklärt Manfred.

Seit Beginn der angespannten Sicherheitslage in der Ostsee und der verstärkten Aktivitäten russischer Einheiten sind viele Schiffe regelmäßig auf Patrouillen oder bei Überwachungsfahrten im Einsatz. Kiel ist einer der wichtigsten Marinestandorte Deutschlands und entsprechend hoch ist hier die Aktivität.

Ein ganz anderes Bild bietet wenig später das Kreuzfahrtterminal.

Dort liegt ein Schiff von AIDA Cruises, und davor ziehen sich lange Schlangen von Urlaubern über das Hafengelände. Koffer rollen über den Asphalt, Vorfreude liegt in der Luft und für viele beginnt heute die schönste Zeit des Jahres.

Wir umrunden die Kieler Förde und gelangen ans Ostufer.

Von hier aus geht es weiter nach Laboe.

Der kleine Hafen wirkt gemütlich und maritim. Hoch über allem erhebt sich das Marine-Ehrenmal, doch unser Blick fällt auf ein anderes Wahrzeichen:

Das Museums-U-Boot U 995.

Das Boot wurde während des Zweiten Weltkriegs als Typ VII C/41 gebaut und zählt zu den wenigen erhaltenen U-Booten dieser Klasse weltweit. Nach dem Krieg fuhr es zunächst noch viele Jahre für die norwegische Marine, bevor es nach Deutschland zurückkehrte und heute als technisches Museum besichtigt werden kann. Ein Rundgang durch das enge Innere vermittelt eindrucksvoll, unter welchen Bedingungen die Besatzungen damals wochenlang auf See unterwegs waren.

Unsere Fahrt führt anschließend weiter nach Eckernförde.

Heute ist die Stadt einer der wichtigsten U-Boot-Standorte der Deutschen Marine. Hier sind die modernen deutschen U-Boote stationiert, und auch zahlreiche Ausbildungseinrichtungen befinden sich in der Fördestadt.

Weiter geht es nach Damp.

Der kleine Yachthafen trägt noch immer die Spuren der schweren Ostseesturmflut vom Oktober 2023. Damals drückten meterhohe Wellen und die Sturmflut große Teile der Steganlagen auseinander oder rissen sie vollständig aus ihren Verankerungen. Viele Boote wurden beschädigt oder zerstört. Auch heute – fast zwei Jahre später – sind noch immer nicht alle Schäden vollständig beseitigt. Einige Bereiche des Hafens warten weiterhin auf ihren Wiederaufbau.

Trotzdem genießen wir hier ganz entspannt Kaffee und Kuchen gemeinsam mit Manfred und seiner Frau.

Es sind genau diese Begegnungen, die eine Reise besonders machen.

Am späten Nachmittag geht es zurück nach Kiel-Stickenhörn.


Montag – Regen, Stromadapter und ein mysteriöses Leck

Der Montag macht seinem Wetterbericht alle Ehre.

Regen.

Viel Regen.

Dazu kräftiger Wind.

Also bleibt Betty im Hafen – und wir auch.

Solche Tage eignen sich hervorragend für all die Arbeiten, die sonst gerne liegen bleiben.

Waschen.

Putzen.

Aufräumen.

Außerdem trifft endlich unsere Lieferung mit verschiedenen Stromadaptern ein. In Skandinavien begegnet man immer wieder unterschiedlichen Landstromanschlüssen, und jetzt fühlen wir uns für die kommenden Häfen deutlich besser vorbereitet.

Doch dann meldet sich wieder unsere Bilgenpumpe.

Immer wieder.

Zu oft.

Also folgt eine Kontrolle.

Tatsächlich steht Wasser in der Bilge. Als Bilge bezeichnet man den tiefsten Punkt eines Bootes, an dem sich eindringendes Wasser sammelt. Kleine Mengen Kondenswasser sind normal. Wenn die Bilgenpumpe jedoch regelmäßig anspringt, sollte man der Ursache unbedingt nachgehen.

Mit Schwamm und Eimer wird zunächst alles trockengelegt.

Danach beginnt die Suche.

Die Pumpe schweigt.

Erster Verdacht:

Die Logge.

Eine Logge misst die Geschwindigkeit durchs Wasser. Viele Systeme besitzen außen am Rumpf einen kleinen Geber, der durch eine Öffnung im Bootsrumpf geführt wird. Wird dessen Dichtung undicht, kann dort Wasser eindringen.

Doch eindeutige Hinweise finden wir zunächst nicht.

Bis spät am Abend suchen wir weiter.

Schließlich beschließen wir, alles trocken zu lassen und am nächsten Morgen zu beobachten, ob erneut Wasser nachläuft.


Dienstag – Auf der Jagd nach einem unsichtbaren Leck

Heute sollen endlich unsere Seekarten für Dänemark eintreffen.

Schließlich möchten wir von Deutschland aus weiter über Dänemark nach Schweden reisen.

Doch zunächst beschäftigt uns etwas ganz anderes.

Das Wasserproblem wird größer.

Jetzt ist plötzlich auch noch der Boden in der Küche nass.

Der Geschirrspüler?

Kann von dort überhaupt Wasser bis hierher gelangen?

Fragen über Fragen.

Also wird aus dem Hafentag kurzerhand ein Heimwerkertag.

Der Geschirrspüler wird komplett ausgebaut, draußen auf dem Steg mit Strom und Wasserschlauch angeschlossen und ausführlich getestet.

Nichts.

Kein Tropfen.

Alles dicht.

Also wieder zurück an Bord.

Die Bilge zeigt inzwischen erneut ein kleines Rinnsal.

Aber woher?

Wieder trockenlegen.

Dusche prüfen.

WC testen.

Alle Wasserleitungen kontrollieren.

Jede Schlauchverbindung anschauen.

Nichts.

Einfach nichts.

Selbst der Geschirrspüler tropft plötzlich überhaupt nicht mehr.

Spontanheilung?

Oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

Vielleicht haben wir ja einen Unaussprechlichen an Bord.

So nennt man in Anlehnung an alte Seefahrergeschichten und den Aberglauben manchmal augenzwinkernd kleine Kobolde oder Geister, denen man unerklärliche Pannen zuschreibt. Immer dann, wenn etwas passiert, für das es scheinbar keine logische Erklärung gibt.

Anders können wir uns das im Moment jedenfalls kaum erklären.

Am Abend zeigt sich sogar noch einmal die Sonne.

Zumindest das hebt die Stimmung.

Weniger erfreulich:

Unsere Seekarten sind nicht angekommen.

Der Zusteller konnte sie angeblich nicht zustellen und hat das Paket kurzerhand in einer DHL-Packstation hinterlegt.

Na gut.

Dann holen wir sie eben selbst ab.


Mittwoch – Pläne schmieden für die nächsten Wochen

Nachdem sich der Wind langsam beruhigt, nutzen wir den zusätzlichen Hafentag sinnvoll.

Zunächst steht noch einmal Einkaufen auf dem Programm. Frische Lebensmittel, Obst, Gemüse und alles, was in den vergangenen Tagen aufgebraucht wurde, wandert in die Vorratsschränke. Auf einem Boot spricht man dabei gerne vom Bunkern. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Berufsschifffahrt, wo damit das Auffüllen von Treibstoff gemeint war. Unter Fahrtenseglern hat sich das Wort längst auch für das Auffüllen der Lebensmittelvorräte eingebürgert.

Außerdem holen wir endlich unsere Seekarten aus der DHL-Packstation ab. Nun steht der Weiterreise Richtung Dänemark zumindest aus navigatorischer Sicht nichts mehr im Wege.

Am Nachmittag folgt dann das, was auf längeren Törns mindestens genauso wichtig ist wie Wetterberichte oder Motorwartung:

Die große Teambesprechung.

Karten werden auf den Tisch gelegt.

Wettermodelle verglichen.

Entfernungen gerechnet.

Und immer wieder die gleiche Frage:

Wo wollen wir wann sein?

Denn unsere Reise richtet sich nicht nur nach Wind und Wetter. Roswitha wird uns im August etwa zwei Wochen für einige wichtige Termine verlassen und später wieder zur Crew stoßen. Das bedeutet, dass unsere Route und unser Zeitplan möglichst genau aufeinander abgestimmt werden müssen.

Nach längerem Diskutieren steht schließlich der grobe Plan fest.

Von Kiel aus wollen wir zunächst Dänemark nur streifen und anschließend entlang der deutschen Ostseeküste weiter Richtung Polen segeln. Von dort soll die Reise über die Ostsee weiter nach Finnland führen – mit Helsinki als einem der großen Etappenziele.

Ein weiterer wichtiger Punkt unserer Routenplanung ist die russische Exklave Kaliningrad – diese müssen wir umschiffen.

Dieses Gebiet liegt zwischen Polen und Litauen direkt an der Ostsee und gehört zu Russland. Die dortigen Hoheitsgewässer dürfen keinesfalls versehentlich befahren werden. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine haben sich die politischen Spannungen erheblich verschärft. Für Sportboote empfiehlt es sich daher ausdrücklich, großzügigen Abstand zu den russischen Territorialgewässern zu halten. Neben möglichen Kontrollen oder rechtlichen Problemen möchte man auf einer Urlaubsreise jede unnötige Komplikation vermeiden.

Ist Kaliningrad erst sicher passiert, öffnet sich der Weg Richtung Baltikum und Finnland.

Ganz besonders freuen wir uns schon auf Helsinki, das wir in Ruhe erkunden möchten. Auch Tallinn mit seiner hervorragend erhaltenen mittelalterlichen Altstadt sowie Riga, die größte Stadt des Baltikums mit ihren prachtvollen Jugendstilfassaden, stehen weit oben auf unserer Wunschliste.

Ob wir am Ende tatsächlich alle diese Ziele erreichen?

Das wird – wie so oft auf See – nicht allein von unserer Planung abhängen.

Wind, Wetter und vielleicht auch der eine oder andere Unaussprechliche werden dabei sicher noch ein Wörtchen mitreden.

Am Landtag machen wir nur selten Fotos, deshlab hat es bei diesem Bericht keine Bilder gegeben – es waren aber auf der nächsten Etape wieder welche folgen.

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