Hilfe, Oceanvolt! – Wenn aus einer Reise plötzlich ein Werkstatttermin wird

Eigentlich sollte es nach unserer Ankunft in Klintholm Havn ganz entspannt weitergehen.

Doch manchmal entscheidet die Technik, dass sie ebenfalls ein Wörtchen mitreden möchte.

Seltsame Geräusche

Bereits auf der Fahrt nach Klintholm waren uns ungewöhnliche Geräusche vom Backbordmotor aufgefallen.

Nicht laut genug, um sofort stehen zu bleiben.

Aber laut genug, um ein ungutes Gefühl zu hinterlassen.

Spätestens beim Anlegen war klar:

Irgendetwas stimmt hier nicht.

Der Motor reagierte verzögert, entwickelte deutlich weniger Schub als gewohnt und klang dabei alles andere als gesund.

Wieder einmal eine dieser typischen Kinderkrankheiten eines noch jungen Systems.

Gibt es da nicht etwas von Ratiopharm?

Leider nein.

Diesmal musste Oceanvolt ran.

Bei einer Kontrolle im Motorraum fanden wir außerdem Getriebeöl – allerdings ohne erkennen zu können, woher es eigentlich kam.

Unterstützung aus den Niederlanden

Also griffen wir zum Telefon.

Unser erster Ansprechpartner war VAAN Yachts, die Werft, auf der Betty gebaut wurde.

Und genau hier zeigt sich, warum ein guter Hersteller Gold wert ist.

Igor, der Geschäftsführer von VAAN, kümmerte sich persönlich um unseren Fall.

Obwohl Wochenende war.

Obwohl eigentlich niemand bei Oceanvolt erreichbar war.

Er blieb dran, telefonierte, organisierte und hielt uns ständig auf dem Laufenden.

Das beruhigte ungemein.

Denn ohne Diagnose konnten wir ohnehin nichts unternehmen.

Warten kann auch schön sein

Zum Glück hatte uns die Panne ausgerechnet in einem wunderschönen Hafen erwischt.

Man hätte es deutlich schlechter treffen können.

Direkt neben Betty liegt eine kleine Bar.

Drei Häuser weiter wartet ein gemütliches Restaurant.

Nur wenige hundert Meter entfernt beginnt ein herrlicher Sandstrand.

Und der Hafenmeister?

Mit Abstand der engagierteste, den wir bisher auf unserer Reise kennengelernt haben.

Immer freundlich.

Immer ein Lächeln im Gesicht.

Immer unterwegs.

Man merkt ihm einfach an, dass er seinen Beruf liebt.

Also beschlossen wir, das Beste aus der ungeplanten Pause zu machen.

Im Restaurant probierten wir die hausgemachte Limonade von der Insel Møn – herrlich erfrischend und genau richtig für einen sonnigen Nachmittag.

Eigentlich hätten wir auch gerne eine Bootstour zu den berühmten Kreidefelsen unternommen.

Leider waren sämtliche Ausflugsfahrten bereits Tage im Voraus ausgebucht.

Also ging es stattdessen an den Strand.

Durch die Dünen.

Mit Baldur.

Der ließ sich natürlich nicht lange bitten und sprang begeistert ins Wasser.

Selbst Salzwasser scheint ihm erstaunlich gut zu schmecken.

Auch wenn dieser Zwischenstopp ungeplant war – gefallen hat er uns allen.

Montag – Oceanvolt übernimmt

Am Montagmorgen meldete sich Igor erneut.

Oceanvolt war inzwischen informiert.

Und unser Fall hatte dort höchste Priorität.

Dennoch verging fast der gesamte Tag, bis die Techniker ihre erste Einschätzung abgaben.

Zunächst sollte lediglich der Saildrive zusammen mit dem ServoProp ersetzt werden.

Zur Erklärung:

Der Saildrive ist der Antrieb, der den Elektromotor mit dem Propeller verbindet und die Kraft ins Wasser überträgt.

Der ServoProp ist Oceanvolts intelligenter Faltpropeller. Seine Propellerblätter stellen sich automatisch auf die optimale Steigung ein und liefern dadurch sowohl unter Motor als auch beim Rekuperieren – also beim Laden der Batterien während des Segelns – einen besonders hohen Wirkungsgrad.

Doch nur wenig später änderte Oceanvolt seine Entscheidung.

Statt einzelner Komponenten sollte vorsichtshalber gleich der komplette Motor getauscht werden.

Ehrlich gesagt:

Das war auch uns lieber.

Lieber einmal richtig reparieren als später erneut Probleme bekommen.

Betty muss fliegen

Der komplette Motortausch bedeutet allerdings auch:

Betty muss aus dem Wasser.

Nur an Land lässt sich ein solcher Eingriff durchführen.

Mit anderen Worten:

Sie wird wieder „fliegen“ – also mit einem Mobilkran aus dem Wasser gehoben.

Jetzt stellte sich natürlich die entscheidende Frage:

Dürfen wir überhaupt weiterfahren?

Unser nächstes Ziel sollte schließlich Schweden sein.

Nach mehreren Telefonaten bekamen wir schließlich die erlösende Nachricht.

Ja.

Wir dürfen.

Mehr noch:

Oceanvolt empfahl sogar ausdrücklich, nach Schweden weiterzufahren.

Der Grund ist ganz pragmatisch.

Ein Austausch des Motors innerhalb der Europäischen Union vereinfacht den gesamten Ablauf erheblich und vermeidet zusätzliche Zollformalitäten.

Igor und ich ließen uns diese Freigabe vorsichtshalber schriftlich bestätigen.

Nicht, dass es später noch Diskussionen um Garantie oder Gewährleistung gibt.

Mit der schriftlichen Bestätigung konnten wir nun beruhigt weiterplanen.

Dienstag – Auf nach Schweden

Am Dienstagmorgen heißt es wieder:

Leinen los.

Unser Kurs führt zur schwedischen Südküste.

Welcher Hafen es genau werden soll, entscheiden wir unterwegs.

Im Moment sieht alles nach Smygehuk aus.

Der kleine Hafen gilt als der südlichste Punkt Schwedens. Von hier aus führt der weitere Weg entlang der schwedischen Südküste Richtung Öresund und später weiter nach Norden. Für viele Segler ist Smygehuk der erste schwedische Hafen nach der Überquerung der Ostsee.

Nur noch ein Motor

Bevor wir überhaupt ablegen können, müssen zunächst unsere Nachbarn los.

Wir liegen als erstes Boot am Steg.

Die anderen Boote haben sich außen längsseits an uns festgemacht – das nennt man Päckchen liegen. Dabei liegen mehrere Boote nebeneinander, und das innere Boot kann erst auslaufen, wenn alle äußeren Boote abgelegt haben.

Als schließlich der Weg frei ist, starten wir unsere Motoren.

Doch schon beim Ablegen bestätigt sich unser Verdacht.

Der Backbordantrieb liefert praktisch keinen Vortrieb mehr.

Vermutlich steckt der ServoProp in einer ungünstigen Stellung fest und kann seine Propellerblätter nicht mehr verstellen.

Also heißt es:

Weiter mit nur einem Motor.

Zum Glück sind Wind und Wellen an diesem Tag so moderat, dass Betty auch mit einem Antrieb sicher unterwegs ist.

Zwischendurch bilde ich mir sogar ein, dass der zweite Motor ebenfalls merkwürdige Geräusche macht.

In solchen Situationen hört man plötzlich jedes Klacken.

Jedes Summen.

Jedes Klicken.

Oder vielleicht hört man einfach zu viel.

Also kontrollieren wir auch den Steuerbordmotor noch einmal gründlich.

Alles in Ordnung.

Zum Glück.

Kreidefelsen und Windräder

Auf unserem Weg passieren wir nun die berühmten Kreidefelsen von Møns Klint vom Wasser aus.

Selbst viele Seemeilen entfernt leuchten die weißen Steilküsten noch eindrucksvoll über dem Meer.

Ein wunderschöner Anblick.

Dazu kommen – wieder einmal – unzählige Offshore-Windparks.

Langsam haben wir den Eindruck, als würden Windräder hier wie Radieschen aus dem Boden wachsen.

Mit nur einem funktionierenden Motor erreichen wir allerdings lediglich etwa 4,5 Knoten Fahrt.

Das bedeutet automatisch:

Weniger Strecke pro Tag.

Oder anders ausgedrückt:

Wer weit kommen möchte, muss künftig einfach noch früher aufstehen.

Während Betty Richtung Schweden unterwegs ist, laufen im Hintergrund bereits die Vorbereitungen für den Motortausch.

Igor telefoniert unermüdlich.

Ein geeigneter Hafen wird gesucht.

Ein Mobilkran organisiert.

Und vor allem muss geklärt werden, wann der Austauschmotor überhaupt in Schweden verfügbar ist.

Sollte sich dessen Lieferung noch einige Tage verzögern, werden wir unsere Reise zunächst weiter in Richtung Stockholm fortsetzen.

Denn je weiter wir bis dahin nach Norden kommen, desto kürzer wird später der verbleibende Weg.

Gislövsläge – Zwischen Hightech-Hafen und faulen Eiern

Unser heutiges Ziel ist Gislövsläge an der Südküste Schwedens – ein kleiner, gemütlicher Hafen unweit von Trelleborg. Bevor wir überhaupt an das Anlegen denken, wird natürlich traditionell die schwedische Gastlandflagge gesetzt. Dieser seemännische Brauch zeigt Respekt gegenüber dem Gastland und gehört für viele Fahrtensegler einfach dazu. Blau und Gelb wehen also ab sofort auch an der SY Betty.

Die Einfahrt in den Hafen verläuft ruhig, das Anlegen verlangt allerdings etwas Konzentration. Mit nur einem Motor ist das Manövrieren deutlich anspruchsvoller als mit zwei Antrieben. Während sich eine Yacht mit zwei Motoren nahezu auf der Stelle drehen lässt, muss bei einem einzelnen Motor wesentlich mehr mit Ruder, Schub und etwas Fingerspitzengefühl gearbeitet werden. Doch genau das macht den Reiz aus – und am Ende klappt alles hervorragend.

Während wir nach einem freien Liegeplatz Ausschau halten, winkt uns ein Segler freundlich zu. Wir sollen doch einfach in der Box neben seinem Boot festmachen – obwohl dort die rote Besetzt-Tafel hängt. Sein Nachbar sei für mehrere Tage unterwegs und komme heute sicher nicht zurück.

Na, wenn das kein Glück ist!

Fast schon professionell setzen wir rückwärts in die Box ein und machen sauber fest. Wieder einmal zeigt sich: Ein bisschen Erfahrung und Ruhe wirken manchmal Wunder.

Bezahlen – eine Wissenschaft für sich

Was danach folgt, hätte wohl niemand als kompliziertesten Teil des Tages erwartet.

Die Liegegebühr und der Strom werden komplett digital abgewickelt. Also zuerst den QR-Code scannen, anschließend den Liegeplatz bezahlen und danach gleich noch die gewünschte Strommenge auswählen. Der Strom kostet 0,35 Euro pro Kilowattstunde. Gemeinsam mit der Liegegebühr landen wir schließlich bei 365 schwedischen Kronen (SEK).

Stecker eingesteckt – fertig?

Von wegen.

Es fließt kein Strom.

Nach einigem Rätseln stellen wir fest, dass die Steckdose erst in der App freigeschaltet werden muss. Jede Steckdose besitzt eine eigene Nummer. Das Problem: Diese Nummer ist nirgends sichtbar. Erst unser Stegnachbar kennt die Lösung. Die Nummer befindet sich gut versteckt hinter einer kleinen Klappe in der Stromsäule. Mit dieser Information funktioniert die Freischaltung endlich.

Als wir anschließend Wasser bunkern möchten, erwartet uns die nächste Überraschung: Auch der Wasseranschluss wird über dieselbe App aktiviert.

Hurra – geschafft!

Wer hat hier gefurzt?

Gerade als endlich Ruhe einkehrt, beschäftigt uns alle dieselbe Frage:

Wer hat hier eigentlich gefurzt?

Niemand von uns. Nicht einmal Baldur.

Der Übeltäter ist tatsächlich der Hafen selbst. Der Meeresboden von Gislövsläge setzt stellenweise kontinuierlich Methan und Schwefelwasserstoff (H₂S) frei. Besonders Schwefelwasserstoff ist für seinen unverwechselbaren Geruch nach faulen Eiern bekannt. Das Gas entsteht dort, wo organisches Material unter Sauerstoffmangel zersetzt wird – ein natürlicher Prozess, der in manchen Häfen durchaus deutlich wahrnehmbar ist.

Na super…

Für heute werden wir daran wohl nicht ersticken. Hoffen wir zumindest.

Frühstart Richtung Simrishamn

Der Wecker klingelt bereits um 5 Uhr morgens. Yvonne und ich stehen auf, lösen die Leinen und laufen in aller Herrgottsfrühe aus. Natürlich ist auch Baldur längst wach und übernimmt wie immer gewissenhaft die Tagwache.

Schon bald verschwindet Gislövsläge achteraus, während die Betty entlang der malerischen Südküste Schwedens nach Osten gleitet. Der Wind begleitet uns zunächst freundlich mit 5 bis 10 Knoten, gerade genug, um entspannt voranzukommen. Doch am Nachmittag verabschiedet sich die Brise allmählich.

Um zu verdeutlichen wie schnell Katamaran Fähren unterwegs sind und vorbeifahren mal ein Video. 35KNOTEN !!!

Die letzten Seemeilen nach Simrishamn, einem der bekanntesten Fischerorte der Region Österlen, legt die Betty schließlich unter Motor zurück. Der kleine Hafen mit seinen bunten Häusern und seiner langen Seefahrertradition wartet bereits auf uns – das nächste Kapitel unserer Reise kann beginnen.

Simrishamn – Groß genug für Betty

Die letzten Seemeilen legen wir unter Motor zurück und laufen schließlich in Simrishamn ein. Die charmante Hafenstadt an der schwedischen Ostküste gilt als einer der bekanntesten Fischerorte der Region Österlen und ist zugleich ein beliebter Anlaufpunkt für Fahrtensegler.

Der Hafen ist groß. Sehr groß. Überall Masten, Segelboote und Yachten – nur eines fehlt: ein freier Liegeplatz für die Betty.

Während wir langsam durch den Yachthafen fahren und nach einer passenden Box Ausschau halten, ruft uns die Crew eines nachfolgenden Segelbootes zu:

„Im Stadthafen ist für große Boote noch Platz!“

Na ja… die Betty ist nun einmal keine kleine Yacht.

Also drehen wir wieder um, verlassen den Yachthafen und laufen auf der gegenüberliegenden Seite in den Stadthafen ein. Dort gibt es keine Stege mit Boxen, sondern eine lange Hafenmauer. Das bedeutet: längsseits anlegen. Dabei liegt das Boot parallel zur Kaimauer – eine Manöverart, die zwar etwas Übung verlangt, dafür aber viel Platz bietet.

Noch zwei oder drei Plätze sind frei.

Wir entscheiden uns für Liegeplatz H4 – direkt neben dem Stromkasten. Praktischer geht es kaum. So müssen wir das Stromkabel nicht quer über den Kai schleppen.

Mit der Steuerbordseite gehen wir längsseits an die Mauer.

Perfetto.

Direkt vor dem Touristenbüro genießen wir einen traumhaften Sonnenuntergang. Auch Baldur scheint den Liegeplatz sofort für gut zu befinden. Kaum sind die Leinen fest, springt er an Land – dicht gefolgt von Yvonne.

Digitale Hafenwelt – Runde zwei

Nach dem Festmachen folgt wieder der inzwischen gewohnte Teil des Hafenalltags: bezahlen.

Langsam bekomme ich Übung. Liegeplatz buchen, Gebühren bezahlen – das klappt mittlerweile erstaunlich gut.

Nur das Freischalten der Steckdosen bleibt eine kleine Wissenschaft.

Warum kann nicht einfach jeder Hafen dasselbe System verwenden?

Diese Frage dürfte sich wohl jeder Fahrtensegler irgendwann einmal stellen.

Oceanvolt – Hoffnung auf Kalmar

Während der Überfahrt stehe ich mehrfach mit Igor in Kontakt und damit indirekt auch mit Oceanvolt. Unser defekter Elektromotor beschäftigt uns schließlich schon seit einigen Tagen.

Zunächst lautet der Plan, den Motortausch direkt in Simrishamn durchzuführen. Gleichzeitig möchten wir die kommenden zwei Tage aber unbedingt nutzen, um weitere Seemeilen nach Norden zu machen. Die Wetterbedingungen passen, und jede Etappe bringt uns unserem eigentlichen Ziel näher.

Nach längeren Diskussionen über mehrere Ecken entsteht schließlich ein neuer Plan:

Wenn alles gut läuft, könnten wir Kalmar bereits am Donnerstag oder Freitag erreichen. Die historische Küstenstadt an der schwedischen Ostküste verfügt über mehrere Werften und Kräne – ideale Voraussetzungen für einen Motortausch.

Bis spät in die Nacht bleibt jedoch unklar, wie sich Oceanvolt letztlich entscheidet.

Erst während wir das Halbfinale England gegen Argentinien verfolgen, kommt endlich die erlösende Nachricht:

Wir dürfen nach Kalmar weiterfahren!

Hurra!

Damit steht auch fest, was der nächste Morgen bringt.

Früh aufstehen.

Sehr früh.

Der Wecker von Yvonne und mir wird erneut auf 5:00 Uhr gestellt.

Eine unfreiwillige Dusche

Bevor wir schlafen gehen, füllen wir noch den Wassertank.

Die Schweden scheinen allerdings einen beeindruckenden Wasserdruck zu haben.

Kaum läuft das Wasser, ist der Tank innerhalb weniger Minuten randvoll. So schnell, dass wir völlig überrascht werden. Der Schlauch wird mit einem kräftigen Ruck aus der Tanköffnung gedrückt und ein Teil des Wassers sucht sich seinen Weg durch die geöffnete Dachluke direkt in die Kabine.

Sagen wir es einmal so:

Es hätte trockener enden können.

Damit ist der Tag endgültig vorbei.

Gute Nacht, Crew.

Der Kapitän geht schlafen.


Donnerstag, 5:00 Uhr

Wäääh…

Der Wecker klingelt.

Der erste Gedanke?

Noch einmal umdrehen.

Der zweite Gedanke?

Hilft nichts.

Aufstehen.

Yvonne geht mit Baldur noch schnell auf seine morgendliche Gassirunde. Während die beiden unterwegs sind, kümmere ich mich um den Stromanschluss. Kabel abstecken, ordentlich verstauen und noch ein letzter Blick auf den Ladezustand der Batterien.

88 %.

Irgendetwas stimmt da noch nicht.

Obwohl wir den Stromanschluss mit 16 Ampere freigeschaltet hatten, wurden die Akkus nicht voll. Da werden wir uns wohl etwas überlegen müssen. Vielleicht künftig früher im Hafen sein und länger am Landstrom bleiben? Oder, sofern möglich, einen zweiten Stromanschluss nutzen? Irgendwo steckt noch Optimierungspotenzial.

Um 5:45 Uhr lösen wir schließlich die Leinen und gleiten lautlos aus dem Hafen von Simrishamn. Die Sonne steht bereits über dem Horizont und taucht die schwedische Ostküste in ein warmes Morgenlicht. Wer glaubt, um diese Uhrzeit wären nur wir unterwegs, irrt gewaltig.

Vor uns, hinter uns und neben uns verlässt eine ganze Flotte von Segelyachten den Hafen. Fast wie auf einer Perlenschnur aufgereiht ziehen die Boote nach Norden. Offenbar wollen heute viele Skipper das gute Wetter nutzen.

Nur mit einer Sache geizt der Tag:

Wind.

Oder besser gesagt:

Windstärke: Null Komma Josef.

Ein herrlicher Ausdruck für absolute Flaute.

Also bleibt der Segelsatz zunächst ordentlich verpackt, und die Betty übernimmt die Etappe unter Motor.

Je nach Zielhafen liegen heute zwischen 55 und 65 Seemeilen vor uns. Welche Strecke es am Ende wird, hängt davon ab, wo wir den Tag beschließen. Schließlich soll auch die Etappe am nächsten Tag bis Kalmar gut passen. Manchmal entscheidet sich der Tagesplan eben erst unterwegs – so ist das Fahrtensegeln.

Und genau das macht den Reiz aus: Nicht jeder Tag folgt einem festen Plan. Wind, Wetter, Technik und manchmal auch der Bauch entscheiden mit, wohin die Reise führt.

Kalmar – Das nächste große Etappenziel

Auf nach Kalmar!

Nach mehreren Tagen entlang der schwedischen Südküste wartet mit Kalmar das nächste große Zwischenziel unserer Reise. Die Stadt zählt zu den bedeutendsten Hafenorten Südschwedens und ist vor allem für ihr imposantes Renaissanceschloss sowie die Ölandbrücke bekannt, die das Festland mit der Insel Öland verbindet.

Der Tag beginnt – wie könnte es anders sein – wieder sehr früh. Schließlich wollen die Seemeilen geschafft werden. Mit etwas Glück reicht es heute, erst um 6 Uhr abzulegen. Fast schon Ausschlafen…

Der Wind hingegen hält sich erneut vornehm zurück.

Oder anders gesagt:

Null Wind.

Für einen Segler nicht unbedingt die spannendste Wettervorhersage. Also übernimmt wieder einmal der Motor die Hauptarbeit und bringt die Betty zuverlässig nach Norden.

Die Überfahrt selbst verläuft unspektakulär. Keine besonderen Vorkommnisse, keine Überraschungen – manchmal ist genau das das Schönste an einem Segeltag.

So erreichen wir Kalmar bereits am frühen Nachmittag.

Voller Hafen – und trotzdem ein Liegeplatz

Bereits vor unserer Ankunft hatte ich telefonisch wegen eines Liegeplatzes nachgefragt. Umso größer ist die Überraschung, als wir feststellen, dass der Yachthafen bis auf den letzten Platz gefüllt ist.

Für die Betty gibt es schlicht keinen freien Liegeplatz.

Der Hafenmeister ist inzwischen nicht mehr erreichbar. Stattdessen treffen wir auf einen Mitarbeiter, der mit einem kleinen Arbeitsboot im Hafen unterwegs ist. Von unserer telefonischen Reservierung weiß er zwar nichts, doch er bemüht sich wirklich um eine Lösung.

Und die findet er schließlich auch.

Im benachbarten Hafen – eigentlich für gewerbliche Schiffe vorgesehen – organisiert er uns einen Platz direkt an der Promenade.

Perfekt!

Strom oder Wasser gibt es dort zwar nicht, aber wir liegen sicher, haben ausreichend Platz und genießen einen herrlichen Blick auf das bunte Treiben der Stadt.

Hafenfest statt Hafenruhe

Nachdem alle Leinen ordentlich belegt sind, machen wir uns auf den Weg zum Hafenamt, um die Liegegebühr zu bezahlen.

Kaum erreichen wir den eigentlichen Yachthafen, wird klar, warum dort heute kein Platz mehr frei war.

Die ganze Hafenpromenade gleicht einem Volksfest.

Foodtrucks reihen sich aneinander, aus den Lautsprechern dröhnt Musik, überall sitzen Menschen in der Abendsonne und genießen das sommerliche Leben am Wasser.

Da sind wir fast schon froh, ein Stück außerhalb zu liegen. So können wir die Stimmung genießen, ohne die ganze Nacht mitten im Trubel verbringen zu müssen.

Bezahlt wird – wie inzwischen fast überall in Schweden – natürlich wieder digital.

QR-Code scannen.

App öffnen.

Liegeplatz auswählen.

Bestätigen.

Langsam entwickelt sich das Ganze zur Routine.

Neue Pläne, neue Herausforderung

Gerade als wir den Abend gemütlich ausklingen lassen wollen, erreicht uns spätabends noch eine Nachricht von Igor.

Die gute Nachricht zuerst:

Oceanvolt hat den Motortausch nun endgültig bestätigt.

Die weniger gute Nachricht:

Der Einsatz soll nicht in Kalmar, sondern rund 50 Seemeilen weiter nördlich stattfinden – und zwar bereits am Dienstag.

Na wunderbar…

Kaum hat man einen Plan, gibt es schon den nächsten.

Das bedeutet für uns: Morgen müssen wir unbedingt weiter nach Norden.

Und genau das macht die Sache spannend.

Für Samstag und Sonntag sind Regen und deutlich zunehmender Wind angekündigt. Die Wetterprognosen sprechen sogar von Starkwind bis hin zu stürmischen Bedingungen.

Damit ist klar:

Wir müssen das Wetterfenster nutzen und am Samstag möglichst viele Meilen gutmachen.

Dem Regen davon

Vielleicht schaffen wir es ja, dem Regen davonzufahren.

Die Wettervorhersage verspricht nichts Gutes. Das Regengebiet soll von Süden her aufziehen – also genau aus der Richtung, aus der wir kommen. Unser Plan ist deshalb klar: so früh wie möglich los, bevor das schlechte Wetter uns einholt.

Dieses Mal heißt „früh“ wirklich früh.

Ich möchte bereits mit den ersten Sonnenstrahlen auslaufen. Nicht mitten in der Nacht, aber genau dann, wenn es hell genug ist, um sicher abzulegen. Deshalb treffen wir bereits am Vorabend alle Vorbereitungen. Leinen werden so vorbereitet, dass wir sie morgens nur noch lösen müssen, Fender kontrolliert und alles verstaut. Je weniger Handgriffe im Halbschlaf nötig sind, desto entspannter läuft das Ablegen.

Da wir in der Nacht keinen Landstrom zur Verfügung hatten, meldet sich kurz nach dem Auslaufen unser Generator zu Wort. Er übernimmt die Aufgabe, die Batterien nachzuladen und die Betty mit der notwendigen Energie zu versorgen. Auf einem elektrisch angetriebenen Schiff gehört das Energiemanagement inzwischen fast genauso zum Bordalltag wie Navigation oder Wetterbeobachtung.

Schon bald erreichen wir die Ölandbrücke, die Kalmar mit der Insel Öland verbindet. Mit einer Länge von 6.072 Metern war sie bei ihrer Eröffnung 1972 die längste Brücke Europas und ist bis heute eines der bekanntesten Bauwerke Schwedens. Langsam gleiten wir unter ihrem mächtigen Bauwerk hindurch – immer wieder ein beeindruckender Moment, wenn sich die riesigen Pfeiler über dem Mast der Betty auftürmen.

Kaum liegt die Brücke achteraus, richtet sich unser Bug wieder konsequent nach Norden.

Ziel ist heute Oskarshamn.

Die Stadt zählt zu den wichtigsten Häfen an der schwedischen Ostküste und wird für die nächsten Tage unsere Basis sein. Bis Mittwoch oder Donnerstag werden wir dort wohl bleiben, ehe es mit dem geplanten Motortausch weitergeht.

Auf See herrscht eine fast gespenstische Ruhe.

Keine Wellen.

Kein Segelknattern.

Keine Windgeräusche.

Nur das leise Summen des Antriebs und gelegentlich das Brummen des Generators begleiten uns.

Der Wind?

Wie in den letzten Tagen:

Nicht vorhanden.

So gleitet die Betty nahezu lautlos über die spiegelglatte Ostsee – immer mit einem Auge auf den Himmel und in der Hoffnung, dem Regen noch ein gutes Stück voraus zu sein.

Punktlandung vor dem Wetter

Zum Glück sind wir heute so früh aufgestanden.

Schon gegen Mittag verändert sich der Himmel. Die ersten dunklen Wolken ziehen auf und schieben sich langsam, aber unaufhaltsam über die Ostsee. Unser Plan scheint aufzugehen – wir sind dem Regen zumindest ein gutes Stück voraus.

In der Ferne taucht schließlich Oskarshamn auf.

Geschafft.

Oder zumindest fast.

Wie so oft hält die letzte Meile noch eine kleine Überraschung bereit.

Bei der Einfahrt in den Hafen frischt der Wind deutlich auf. Natürlich kommt er – wie könnte es anders sein – genau aus der falschen Richtung.

Mit zwei funktionierenden Motoren wäre das Anlegemanöver keine große Sache gewesen. Doch unser angeschlagener Backbordmotor hat heute endgültig keine Lust mehr. Selbst nach einem Neustart reagiert er kaum noch auf die Steuerbefehle.

Also heißt es wieder:

Improvisieren.

Mit nur einem funktionierenden Motor lässt sich eine Yacht durchaus sicher manövrieren, allerdings braucht man dafür deutlich mehr Platz und muss seine Manöver sorgfältig planen. Der ursprünglich vorgesehene Liegeplatz am Steg ist unter diesen Bedingungen schlicht nicht sinnvoll anzulaufen.

Also entscheiden wir uns spontan für Plan B und gehen längsseits an einem anderen Kai fest.

Nicht ganz so elegant wie sonst.

Nicht ganz so feinfühlig.

Aber sicher.

Die Betty liegt fest.

Da für die kommenden Stunden kräftiger Wind und stürmische Böen angekündigt sind, gönnen wir ihr vorsorglich noch ein paar zusätzliche Festmacherleinen. Lieber zehn Minuten mehr Arbeit als eine unruhige Nacht.

Kaum ist die Gangway ausgelegt und der Landgang möglich, fallen die ersten Regentropfen.

Zunächst ganz sanft.

Fast angenehm.

Doch innerhalb weniger Minuten öffnet der Himmel seine Schleusen.

Während wir noch schnell den Wassertank auffüllen und überlegen, ob wir die Gelegenheit gleich zum Duschen nutzen sollen, wird uns diese Entscheidung kurzerhand abgenommen.

Der Regen prasselt inzwischen mit einer Intensität herunter, gegen die jede Hafendusche alt aussieht.

Das Duschen hätten wir uns also sparen können.

Nur wenige Augenblicke später schüttet es wie aus Kübeln.

Zum Glück sitzen wir inzwischen trocken und gemütlich in der Betty, während draußen der Regen gegen Deck und Aufbauten trommelt. Manchmal zeigt die Ostsee eben ganz deutlich, wer hier das Sagen hat.

Landtage in Oskarshamn

Nach den intensiven Seetagen tut es gut, für ein paar Tage festen Boden unter den Füßen zu haben.

Da die Betty für den geplanten Service ohnehin im Hafen bleibt, nutzen wir die Gelegenheit, die Umgebung von Oskarshamn zu erkunden. Dafür haben wir uns einen Lynk & Co 01 als Mietwagen organisiert. Die schwedisch-chinesische Automarke gehört zum Geely-Konzern – zu dem unter anderem auch Volvo zählt – und setzt auf moderne Plug-in-Hybridtechnik sowie ein digitales Nutzungskonzept. In Schweden begegnet man den markanten Fahrzeugen inzwischen recht häufig.

Gerade in Schweden lohnt sich ein Mietwagen, denn viele der schönsten Ausflugsziele liegen etwas abseits der Küste und sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen.

Auf unserem Programm stehen einige Orte, die viele aus ihrer Kindheit kennen.

Natürlich darf ein Besuch auf dem Katthult-Hof nicht fehlen – jenem Bauernhof, der als Drehort für die Geschichten von Michel aus Lönneberga diente. Astrid Lindgrens Bücher und Filme haben Generationen begleitet, und plötzlich steht man mitten in der Welt von Michel, Ida, Alfred und Lina. Vieles sieht heute noch genauso aus wie in den Filmen.

Ebenso möchten wir Astrid Lindgrens Welt besuchen – den Themenpark und Erlebnisbereich rund um die berühmte schwedische Kinderbuchautorin. Hier werden ihre Geschichten lebendig und man versteht schnell, warum ihre Figuren bis heute Menschen auf der ganzen Welt begeistern.

Am Dienstag steht dann der eigentliche Grund unseres Aufenthalts auf dem Programm.

Das Team von Oceanvolt kommt nach Oskarshamn und tauscht unseren defekten Elektromotor im Rahmen der Garantie aus. Nach den vielen Telefonaten, Planänderungen und der Ungewissheit der vergangenen Tage hoffen wir, dass die Betty danach wieder mit voller Kraft und zwei funktionierenden Motoren unterwegs sein wird.

Während der Arbeiten können wir allerdings nicht an Bord bleiben.

Also gönnen wir uns ausnahmsweise eine Nacht im Hotel.

Und eigentlich passt das sogar perfekt.

Denn dort werden wir auch gleich Erics 51. Geburtstag feiern.

Nach vielen Nächten an Bord, frühen Starts, langen Etappen, technischen Herausforderungen und jeder Menge improvisierter Lösungen fühlt sich ein bequemes Hotelbett fast wie purer Luxus an.

Danach heißt es hoffentlich wieder:

Leinen los – mit neuer Kraft und zwei gesunden Motoren Richtung Norden.

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