Sechs Etappen, ein neuer Motor und eine traumhafte Ankernacht
In den letzten Tagen ist es auf sy-betty.com ungewöhnlich ruhig geworden.
Nicht etwa, weil nichts passiert wäre – ganz im Gegenteil.
Wir waren einfach zu viel unterwegs. Morgens früh Leinen los, den ganzen Tag auf dem Wasser, abends Anlegen oder Ankern, Essen kochen und müde in die Koje fallen. Da blieb der Computer meistens ausgeschaltet.
Deshalb holen wir jetzt gleich mehrere Etappen auf einmal nach.
Oskarshamn – Byxelkrok
Nach unserem unfreiwillig verlängerten Aufenthalt in Oskarshamn stand heute vor allem eines auf dem Programm:
Der erste echte Test unseres neuen Oceanvolt-Motors.

Schon beim Ablegen fällt sofort ein gewaltiger Unterschied auf.
Der neue Motor ist so ruhig, dass man immer wieder unwillkürlich auf das Display schaut, um zu kontrollieren, ob er überhaupt läuft. Kein Rattern, kein ungewohntes Summen – einfach genau so, wie ein elektrischer Antrieb sein soll.
Viel arbeiten muss er heute allerdings nicht.
Wie so oft kommt der Wind genau von vorne. Eigentlich nicht die Lieblingsrichtung eines Seglers. Doch durch geschicktes Kreuzen – also das abwechselnde Segeln in Zickzack-Kursen gegen den Wind – kommen wir trotzdem zügig voran.
Am Nachmittag erreichen wir Byxelkrok, einen kleinen Fischer- und Yachthafen an der Nordspitze der schwedischen Insel Öland. Öland ist mit rund 137 Kilometern Länge die zweitgrößte Insel Schwedens und bekannt für ihre weiten Heidelandschaften, Windmühlen und die karge, beinahe mediterran wirkende Landschaft. Byxelkrok selbst lebt vom Tourismus, der Fischerei und natürlich von den zahlreichen Seglern, die auf ihrem Weg durch die Ostsee hier Station machen.
Der Hafenmeister empfängt uns ausgesprochen freundlich und hilft sofort beim Anlegen.
Direkt hinter dem Hafen beginnt eine kleine Flaniermeile mit liebevoll gestalteten Holzhäuschen. Darin wechseln sich kleine Boutiquen, Kunsthandwerker, Cafés und Verkaufsstände mit regionalen Spezialitäten ab.
An einem der Stände kann ich nicht widerstehen.
Frisch gepulte Nordseekrabben – oder genauer gesagt Ostsee-Shrimps.
Eine ordentliche Portion wandert in unsere Einkaufstasche.
Der Plan für den Abend steht damit fest:
Selbst gemachter Shrimpcocktail-Salat an Bord.
Manchmal sind es genau diese kleinen Dinge, die einen Segeltag perfekt machen.
Byxelkrok – Hasselö
Nach einer ruhigen Nacht lösen wir am nächsten Morgen erneut die Leinen.

Diesmal verlassen wir Öland und nehmen wieder Kurs auf das schwedische Festland.
Je weiter wir nach Norden kommen, desto deutlicher verändert sich die Landschaft.
Die langen Sandstrände verschwinden langsam.
Dafür tauchen immer mehr kleine Inseln, Felsen und Schären auf.
Die schwedische Ostküste gehört zu den größten Schärengebieten der Welt. Als Schären bezeichnet man unzählige kleine, meist aus Granit bestehende Inseln und Felsen, die während der letzten Eiszeit entstanden sind. Viele von ihnen ragen nur wenige Zentimeter aus dem Wasser, andere liegen sogar knapp unter der Oberfläche. Für Segler bedeutet das:
Augen auf.
Hier reicht es nicht mehr, einfach nur den Horizont im Blick zu behalten. Kartenplotter, Tiefenmesser und ein aufmerksamer Ausguck werden zu den wichtigsten Crewmitgliedern.
Unser heutiges Ziel ist die Insel Hasselö.
Allerdings nicht der kleine Hafen.
Heute möchten wir ankern.
Schon bei der Einfahrt in die geschützte Bucht wird klar, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben.
Ringsum liegen kleine rote und gelbe Ferienhäuser direkt am Wasser. Manche sind bewohnt – gut zu erkennen an der gehissten schwedischen Flagge vor dem Haus. Andere wirken verlassen und warten offenbar auf ihre Besitzer.
Das Wasser ist ruhig.
Kein Wellengang.
Nur Vogelstimmen und das leise Rascheln der Bäume.
Genau so stellt man sich einen schwedischen Sommerabend vor.
Betty schwojt ruhig an ihrer Ankerkette, während wir den Sonnenuntergang genießen.
Zumindest bis die eigentlichen Bewohner der Insel auftauchen.
Mücken.
Und zwar jede Menge.
Offenbar hatten sie den ganzen Tag auf frisches Seglerblut gewartet.
Innerhalb weniger Minuten werden wir regelrecht belagert.
Erst ein beherzter Griff zum Insektenspray verschafft uns endlich wieder etwas Ruhe.
Trotz der kleinen Plage bleibt diese Nacht etwas Besonderes.
Fernab jedes Hafens.
Kein Motorengeräusch.
Keine Stegnachbarn.
Nur Betty, die Natur und das Gefühl, genau dort zu sein, wo wir sein möchten.
Hasselö – zurück nach Byxelkrok
Nach einer herrlich ruhigen Nacht vor Anker beginnt der Tag mit einer ausgiebigen Teambesprechung.
Ein Ritual, das sich auf unserer Reise inzwischen bewährt hat.
Seekarten werden ausgebreitet, Wettermodelle verglichen und Termine durchgerechnet.
Dabei wird uns langsam klar, dass unser ursprünglicher Plan, bis nach Stockholm zu segeln, immer schwieriger umzusetzen ist. Die Wetterfenster werden kleiner, der Wind spielt nicht mit und auch unsere zeitlichen Eckpunkte lassen sich immer schwerer unter einen Hut bringen.
Manchmal muss man sich auf See eingestehen, dass nicht jeder Plan aufgeht.
Also schlagen wir sprichwörtlich das Ruder herum.
Statt weiter nach Norden geht es wieder Richtung Süden.
Unser nächstes Ziel ist erneut Byxelkrok.
Der Hafenmeister freut sich hörbar über unseren Anruf und verspricht sofort, einen Liegeplatz für Betty freizuhalten.
So fährt man doch gerne in einen Hafen.
Von der geschützten Ankerbucht aus begleitet uns zunächst eine frische Brise. Doch je näher wir Byxelkrok kommen, desto kräftiger legt der Wind zu. Kurz vor der Hafeneinfahrt pfeift er uns mit gut 25 Knoten direkt entgegen.
Die Segel allein reichen jetzt nicht mehr.
Also schalten wir die Motoren zu.
Und wie so oft auf See kommt alles gleichzeitig.
Gerade als wir zur Hafeneinfahrt ansetzen, hören wir drei kurze Töne vom Fährschiff.
In der Berufsschifffahrt ist das ein international festgelegtes Schallsignal und bedeutet: „Meine Maschine läuft rückwärts.“ Für uns ist sofort klar, dass die Fähre manövriert und jetzt Vorrang hat.
Also brechen wir unseren Anlauf ab und weichen aus.
Während Betty gegen Wind und Wellen arbeitet, müssen die Motoren ordentlich Leistung bringen.
Eigentlich kein Problem.
Eigentlich.
Plötzlich erscheint auf beiden Motorendisplays eine gelbe Warnmeldung:
KW6.
Mehr erfahren wir zunächst nicht.
Nur eines wird sofort deutlich:
Die Leistung der Motoren wird auf 6 Kilowatt begrenzt.
Warum?
Weshalb?
Keine Ahnung.
Aber darüber können wir uns später Gedanken machen.
Jetzt zählt nur, der Fähre sicher auszuweichen.
Nachdem sie den Hafen verlassen hat, starten wir beide Motoren kurzerhand neu.
Zum Glück verschwindet die Warnmeldung.
Die volle Leistung ist wieder da.
Zumindest lange genug, um sicher in den Hafen einzulaufen.
Doch unser Vertrauen in die Technik hat einen weiteren Kratzer bekommen.
Irgendetwas stimmt noch immer nicht.
Also wird noch am selben Abend Luis von Oceanvolt kontaktiert.
Selbst ist die Crew
Bereits am nächsten Morgen meldet sich Luis.

Seine Diagnose aus der Ferne:
Die Motorsteuerungen sollten vollständig zurückgesetzt werden.
Dafür schickt er uns eine detaillierte Anleitung – eigentlich gedacht für einen Elektriker.
Also machen wir uns auf die Suche nach einem Fachmann auf der Insel.
Doch schnell wird klar:
Keine Chance.
Die einen sind auf Wochen hinaus ausgebucht.
Die anderen haben schlicht keine Zeit.
Und wieder andere verfügen gar nicht über das notwendige Fachwissen.
Was nun?
Wieder tagelang warten?
Ehrlich gesagt:
Davon haben wir inzwischen genug.
Also treffen wir eine Entscheidung.
Wenn sich niemand findet, der uns hilft, dann müssen wir eben selbst Hand anlegen.
Die ersten Schrauben sind schnell gelöst.
Noch sieht alles überschaubar aus.
Doch je weiter wir ins Innere der Technik vordringen, desto spannender wird es.
Aus einem einfachen Neustart entwickelt sich langsam eine Operation am offenen Herzen von Betty.
Und plötzlich wird klar:
Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Operation gelungen – Betty lebt
Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Gemeinsam mit Oceanvolt gehen wir Schritt für Schritt die Anleitung durch. Luis bleibt während der gesamten Aktion telefonisch erreichbar und begleitet uns praktisch live durch den Eingriff.
Genau nach Anleitung wird ein Kabel umgesetzt.
Ein kurzer Moment der Spannung.
Beim Herstellen der Verbindung sprühen für den Bruchteil einer Sekunde ein paar Funken.
Nicht gerade das, was man sehen möchte.
Doch am Telefon bleibt Luis völlig gelassen.
„Alles in Ordnung.“
Kurz darauf folgt das erlösende Kommando:
Grünes Licht von Oceanvolt. Der Reset ist abgeschlossen.
Also bauen wir alles wieder sorgfältig zusammen, ziehen jede Schraube nach und starten die Systeme erneut.
Die Motoren melden sich ohne Fehlermeldung.
So soll das sein.
Zeit, wieder Leinen loszuwerfen.
Kurs Mönsterås
Erneut geht es hinaus auf die Ostsee und zurück Richtung schwedisches Festland.
Unser Ziel ist Mönsterås, ein kleiner Küstenort in der Provinz Småland.
Schon die Ansteuerung hat ihren eigenen Reiz.
Über eine lange, schmale Fahrrinne nähert man sich langsam dem Ort, bis sich schließlich der kleine Hafen öffnet.
Gemütlich.
Überschaubar.
Typisch schwedisch.
Eine hübsche Promenade lädt zum Spazieren ein, kleine Boote schaukeln an den Stegen und überall herrscht eine angenehme Ruhe.
Ganz ohne kleine Überraschung geht es natürlich auch diesmal nicht.
Beim Anlegen meint es der Wind wieder besonders gut mit uns – allerdings nicht in die Richtung, die wir uns wünschen würden.
Eine kräftige Böe schiebt Betty genau in dem Moment zur Seite, als wir gerade sauber in die Box einlaufen wollen.
Zum Glück kennen wir solche Situationen inzwischen.
Mit etwas Gegensteuern, ruhigen Manövern und der gewohnt guten Zusammenarbeit liegt Betty kurze Zeit später sicher am Steg.
Kaum sind die Leinen fest, kommen bereits die ersten Spaziergänger vorbei.
Viele bleiben stehen.
Schauen.
Fragen.
Ein Segelkatamaran wie Betty ist in Mönsterås offenbar kein alltäglicher Gast.
Mehrfach hören wir den Satz:
„So ein großes Boot sieht man hier nicht oft.“
Natürlich erzählen wir gerne ein wenig von unserer Reise, bevor wir den Abend entspannt ausklingen lassen.
Nach einer ruhigen Nacht schlafen wir bestens.
Mit Rückenwind Richtung Süden
Am nächsten Morgen geht es früh weiter.

Unser Ziel ist zunächst ein Hafen am südlichen Ende von Öland.
Endlich meint es der Wind einmal richtig gut mit uns.
Nicht von vorne.
Nicht schräg.
Sondern genau so, wie man es sich als Segler wünscht.
Betty läuft hervorragend.
Die Meilen fliegen nur so dahin.
Schon bald erreichen wir die Ölandbrücke, die das schwedische Festland mit der Insel Öland verbindet. Mit einer Länge von über sechs Kilometern gehört sie zu den längsten Brücken Europas und ist eines der bekanntesten Bauwerke Schwedens.
Natürlich passt Betty problemlos unter der Brücke hindurch – trotzdem ist es jedes Mal ein beeindruckender Moment, wenn man mit einem Segelboot unter einer solchen Konstruktion hindurchsegelt.
Wenig später erreichen wir das Seegebiet vor Kalmar.
Hier ist besondere Aufmerksamkeit gefragt.
Zwischen den zahlreichen Inseln und Schären verstecken sich Untiefen, Felsen und Sandbänke. Die sichere Fahrrinne wird deshalb durch ein dichtes Netz von Richtungstonnen markiert. Diese Tonnen kennzeichnen den Verlauf des befahrbaren Fahrwassers und helfen dabei, die gefährlichen Flachstellen sicher zu umfahren.
Doch manchmal reicht ein einziger unaufmerksamer Moment.
Eine kräftige Böe trifft Betty von der Seite und versetzt uns genau in Richtung einer grünen Richtungstonne.
Bevor wir reagieren können, ist es auch schon passiert.
Rumps.
Nicht besonders laut.
Aber deutlich genug.
Zum Glück zeigt sich jetzt einer der großen Vorteile eines Aluminiumrumpfes.
Während andere Boote bei einer solchen Berührung schnell einen Gelcoat-Schaden davontragen könnten, bleibt Betty erstaunlich gelassen.
Nach einer kurzen Kontrolle können wir erleichtert feststellen:
Außer einem kleinen Schreck ist nichts passiert.
Danach läuft es umso besser.
Der Wind bleibt ideal.
Zeitweise zeigt das Log sogar mehr als acht Knoten Fahrt.
Betty scheint sich richtig wohlzufühlen.
Je weiter wir segeln, desto klarer wird:
Warum heute schon aufhören?
Wind und Wetter passen perfekt.










Also ändern wir kurzerhand den Plan und verlängern unsere Tagesetappe.
Statt am ursprünglich vorgesehenen Hafen machen wir erst in Sandhamn fest.
Für uns ist dieser Hafen mehr als nur ein weiterer Übernachtungsplatz.
Er wird zum Ausgangspunkt für die nächste wirklich lange Etappe.
Denn von hier aus wartet die offene Ostsee – und damit wieder ein gutes Stück Abenteuer.
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