Nachtfahrt im Mondschein – Kurs Ystad
Nach unserer Ankunft in Sandhamn steht die nächste große Etappe bevor.
Vor uns liegt die Überquerung der großen Bucht zur schwedischen Südküste.
Eigentlich.
Denn wie so oft hat der Wind andere Pläne.
Er kommt genau von vorne.
Und wir wissen inzwischen nur zu gut: Gegenan segeln kostet Zeit, Kraft und Nerven.
Also machen wir das, was Fahrtensegler ständig tun müssen.
Wir warten.
Ein Blick auf die Wettermodelle zeigt, dass sich der Wind gegen Mitternacht drehen soll. Genau das ist unser Zeitfenster.
Der Wecker wird gestellt.
Nicht auf sechs Uhr.
Nicht auf fünf.
Sondern auf Mitternacht.
Leinen los im Mondschein
Pünktlich um 0:00 Uhr lösen wir nahezu lautlos die Leinen.
Sandhamn schläft noch.
Nur das leise Surren der Elektromotoren begleitet uns hinaus aus dem Hafen.
Noch innerhalb des Hafens setzen wir das Großsegel – vorsichtshalber bereits mit dem zweiten Reff. Beim Reffen wird die Segelfläche verkleinert, damit das Boot bei stärkerem Wind leichter beherrschbar bleibt. Lieber etwas weniger Segel und entspannt unterwegs als später hektisch verkleinern müssen.
Langsam verschwindet das letzte Hafenlicht hinter uns.
Vor uns liegt die Nacht.
Oder besser gesagt:
Eine Vollmondnacht.
Der Mond taucht die Ostsee in silbriges Licht. Die Küstenlinien sind klar zu erkennen, die Wellen glitzern und selbst entfernte Schiffe zeichnen sich deutlich am Horizont ab.
In einer solchen Nacht wirken technische Hilfsmittel wie Radar oder unser KI-gestütztes Kollisionswarnsystem SEA.AI fast schon überflüssig. Natürlich bleiben sie eingeschaltet und überwachen den Verkehr – doch die Sicht ist so außergewöhnlich gut, dass wir die meisten Schiffe schon lange vorher mit bloßem Auge erkennen.
Die ersten Seemeilen führen uns noch nach Süden.
Erst später drehen wir auf unseren eigentlichen Kurs entlang der schwedischen Südküste.
Der Wind hält, was der Wetterbericht versprochen hat.
Mit 12 bis 15 Knoten aus der richtigen Richtung läuft Betty konstant um die sechs Knoten.
Genau das, was wir uns erhofft hatten.
Nicht spektakulär.
Aber schnell, effizient und angenehm.
Der schönste Moment des Tages
Gegen 4:50 Uhr beginnt sich der Horizont langsam zu verfärben.
Die Nacht weicht einem tiefen Orange.
Wenige Minuten später schiebt sich die Sonne langsam aus der Ostsee empor.
Jeder Sonnenaufgang auf See ist etwas Besonderes.
Doch nach einer durchsegelten Nacht fühlt er sich noch intensiver an.
Als würde der rote Feuerball nicht nur einen neuen Tag beginnen lassen, sondern auch der Crew neue Energie schenken.
Ein Moment, für den sich jede müde Nachtwache lohnt.


































Wetter schlägt Planung
Am Nachmittag passiert dann genau das, was der Wetterbericht bereits angedeutet hatte.
Der Wind verabschiedet sich.
Erst wird er schwächer.
Dann schläft er vollständig ein.
Gleichzeitig erreichen uns neue Wetterinformationen.
Über Hamburg bildet sich eine kräftige Gewitterfront, die mit Starkregen und stürmischen Böen nordostwärts zieht. Gegen 22 Uhr soll sie die schwedische Südküste erreichen.
Unser eigentliches Tagesziel liegt noch zu weit entfernt.
Das Risiko, in der Dunkelheit in eine Gewitterfront mit Starkwind zu geraten, möchten wir nicht eingehen.
Also wird umgeplant.
Nicht zum ersten Mal.
Und sicher auch nicht zum letzten Mal.
Zuflucht in Ystad
Unsere Wahl fällt auf Ystad.
Die südschwedische Hafenstadt ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt – allerdings weniger wegen ihres Hafens als durch die Kriminalromane und Fernsehfilme um Kommissar Kurt Wallander, die der schwedische Schriftsteller Henning Mankell hier spielen lässt. Seitdem pilgern Fans aus aller Welt nach Ystad, um die Schauplätze der Geschichten zu besuchen.
Gegen 18 Uhr laufen wir sicher in den Hafen ein.
Die Leinen sitzen.
Zeit für Baldur.
Wie nach jeder längeren Überfahrt steht zunächst ein ausgedehnter Hafenspaziergang auf dem Programm. Schließlich müssen nicht nur wir uns die Beine vertreten – auch die tierischen Geschäfte wollen zuverlässig erledigt werden.
Während wir durch die Straßen schlendern, verändert sich langsam der Himmel.
Die Wolken werden dunkler.
Schwerer.
Bedrohlicher.
Am Horizont zucken bereits die ersten Blitze.
Zurück an Bord bereiten wir Betty auf eine unruhige Nacht vor.
Alle Leinen werden noch einmal kontrolliert.
Zusätzliche Festmacher ausgebracht.
Fender überprüft.
Dann heißt es warten.
Der Wind nimmt stetig zu.
Immer wieder schaukelt Betty kräftig in den Böen.
Die Masten der Nachbarboote beginnen zu pfeifen.
In den Wettervorhersagen ist inzwischen von Böen bis zu 40 Knoten die Rede – das entspricht rund 75 km/h.
Unwillkürlich stellt man sich immer wieder dieselbe Frage:
Haben wir wirklich alles gut genug festgemacht?
Zum Glück lautet die Antwort wenig später:
Ja.
Betty arbeitet ruhig in den Leinen, der Wind heult durch den Hafen und Blitze erhellen die Nacht.
Drinnen im Salon sitzen wir trocken und sicher – und sind einmal mehr froh, rechtzeitig den Schutz des Hafens gesucht zu haben.
Zurück nach Klintholm
Der Morgen beginnt früh.
Sehr früh.

Bereits um 6 Uhr lösen Yvonne und ich wieder die Leinen.
Der Grund ist einfach.
Die Wettervorhersage von Windy verspricht noch einige Stunden brauchbaren Wind, bevor dieser am Nachmittag nahezu vollständig einschlafen soll. Unsere Erfahrung der letzten Wochen hat gezeigt, dass die Prognosen der verschiedenen Wettermodelle erstaunlich zuverlässig sind – und auch diesmal möchten wir die guten Bedingungen möglichst lange ausnutzen.
Also setzen wir die Segel und nehmen Kurs auf Dänemark.
Die ersten Stunden laufen hervorragend.
Betty gleitet mit angenehmer Fahrt durchs Wasser, und wir genießen noch einmal die schwedische Küste, die langsam achteraus verschwindet.
Doch wie so oft behält die Wettersoftware recht.
Am Nachmittag wird der Wind immer schwächer.
Aus zwölf Knoten werden acht.
Dann fünf.
Schließlich kräuselt sich die Wasseroberfläche kaum noch.
Die Segel verlieren ihren Druck, beginnen leicht zu schlagen und schließlich bleibt nur noch eine Möglichkeit.
Motoren an.
Lautlos übernehmen unsere Oceanvolt-Antriebe den Vortrieb und bringen Betty zuverlässig ihrem Tagesziel entgegen.
Wiedersehen in Klintholm
Unser Ziel ist erneut Klintholm Havn auf der dänischen Insel Møn.
Nicht nur der Hafen gefällt uns ausgesprochen gut.
Vor allem freuen wir uns auf den Hafenmeister, der uns bereits telefonisch einen Liegeplatz reserviert hat.
Als wir gegen 18 Uhr einlaufen, erwartet er uns tatsächlich schon an der Mole und weist uns wie selbstverständlich unseren Platz zu.
Dieses Mal machen wir längsseits neben einer eleganten Princess-Motoryacht fest. Die britische Werft Princess zählt zu den bekanntesten Herstellern luxuriöser Motoryachten – ein imposanter Nachbar für unsere Betty.
Beim Festmachen kommen wir mit der Crew ins Gespräch.
Sie berichten vom Unwetter des Vortages.
Während wir in Ystad bereits ordentlich durchgeschüttelt wurden, hat es Klintholm noch deutlich heftiger getroffen.
Hier wurden Windgeschwindigkeiten von über 60 Knoten gemessen – das entspricht mehr als 110 km/h.
Da wird einem erst bewusst, wie richtig unsere Entscheidung gewesen war, rechtzeitig Schutz zu suchen.
Ein letzter Hafentag
Für den kommenden Tag steht ausnahmsweise einmal nichts auf dem Programm.
Kein Wecker.
Keine Wetterkarten.
Keine langen Etappen.
Stattdessen bekommt Betty wieder die Aufmerksamkeit, die sie sich nach vielen Seemeilen verdient hat.
Deck schrubben.
Salz abwaschen.
Fenster reinigen.
Leinen kontrollieren.
Kurz gesagt:
Ein ausgiebiger Wellness-Tag für unser schwimmendes Zuhause.
Natürlich bleibt auch Zeit, noch einmal durch das gemütliche Hafenörtchen zu schlendern. Klintholm hat seinen ganz eigenen Charme. Kleine Restaurants, Fischerboote, Segler aus vielen Nationen und diese typisch dänische Gelassenheit machen den Ort zu einem Platz, an den man gerne zurückkehrt.





Am Abend kehren wir noch einmal gemütlich ein und lassen die vergangenen Wochen Revue passieren.
Viel ist passiert.
Neue Länder.
Neue Häfen.
Ein Motortausch.
Stürme.
Unzählige schöne Begegnungen.
Und jetzt liegt nur noch der letzte Abschnitt vor uns.
Von Klintholm bis Kiel sind es noch rund 100 Seemeilen.
Ein überschaubares Stück.
Und doch wieder genug Wasser, damit die Ostsee sicher noch die eine oder andere Überraschung für uns bereithält.
Auf Anregung von Markus H. ergänzen wir nun einige Daten zu unserer Reise und zu einzelnen Etappen:
13.6.2026 1. Etappe Start in Hellvoetsluis nach Den Haag 34,9 Seemeilen
30.7.2026 Nachtfahrt im Vollmond von Sandhamn nah Ystat 79,3sm
31.7.2026 Ystat nach Klintholm 59,5sm
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