Good Morning Klintholm
„Good Morning, Klintholm… und hallo Herr Nachbar – aufstehen, wir wollen losfahren!“
So oder so ähnlich dürfte es gegen sechs Uhr morgens geklungen haben.
Da wir im Päckchen lagen, musste zunächst unser Nachbar geweckt werden, damit wir überhaupt auslaufen konnten. Päckchen liegen gehört zum Segleralltag: Mehrere Boote liegen längsseits nebeneinander am Steg. Das spart Liegeplätze, bedeutet aber auch, dass das innere Boot erst loskommt, wenn die äußeren Boote abgelegt haben.
Zum Glück nahm es unser Nachbar mit Humor und wenig später waren die Leinen gelöst.
Unser Plan war klar.
Möglichst früh auslaufen, um den morgendlichen Wind optimal zu nutzen. Die Wettermodelle von Windy hatten bereits am Vorabend vorhergesagt, dass der Wind am Nachmittag deutlich nachlassen würde – und in den vergangenen Wochen hatten sich diese Prognosen erstaunlich oft bewahrheitet.
Mit rund 13 Knoten Wind verlassen wir Klintholm und nehmen Kurs auf eines der beeindruckendsten Infrastrukturprojekte Europas.

Den Fehmarnbelttunnel.
Während wir uns der Baustelle nähern, wird das enorme Ausmaß immer deutlicher. Riesige Arbeitsplattformen, Spezialschiffe, Pontons und Versorgungsschiffe prägen das Bild. Hier entsteht eine feste Verbindung zwischen Deutschland und Dänemark, die künftig den Fehmarnbelt unterqueren wird. Der Tunnel wird rund 18 Kilometer lang und verbindet Rødbyhavn auf dänischer Seite mit Puttgarden auf der deutschen Insel Fehmarn. Statt gebohrt wird der Tunnel aus gewaltigen, vorgefertigten Betonelementen zusammengesetzt, die auf den Meeresgrund abgesenkt und dort miteinander verbunden werden – eine Ingenieurleistung, die weltweit ihresgleichen sucht.
Unser Tagesziel liegt direkt hinter dieser gigantischen Baustelle.
Rødbyhavn.
Doch zunächst spielt das Wetter wieder seinen eigenen Plan.
Etwa auf Höhe von Nysted verschwindet der Wind vollständig. Eben noch zog Betty mit schönem Druck durch die Ostsee, wenige Minuten später hängen die Segel schlaff herunter.
Also heißt es einmal mehr:
Segel bergen.
Motoren an.
Zum Glück sind wir inzwischen geübt darin, innerhalb weniger Minuten vom Segel- in den Motorbetrieb zu wechseln.
Auf den letzten Meilen fällt uns am Horizont ein graues Kriegsschiff auf.

„Graue Marine“, geht es uns spontan durch den Kopf.
Na hoffentlich deutscher Geleitschutz.
Der erste Eindruck lässt auf einen U-Boot-Jäger oder eine moderne Fregatte schließen. Gerade in der westlichen Ostsee ist die Präsenz von Marineeinheiten in den vergangenen Jahren deutlich sichtbarer geworden. Neben der Sicherung wichtiger Schifffahrtswege und kritischer Infrastruktur – zu der inzwischen auch Offshore-Windparks und Großbaustellen wie der Fehmarnbelttunnel gehören – überwachen NATO-Marinen regelmäßig den Schiffsverkehr in diesem sensiblen Seegebiet.
Am Nachmittag laufen wir nach 13 Stunden und 61nm schließlich in Rødbyhavn ein.
Die Suche nach einem Liegeplatz gestaltet sich schwieriger als gedacht.
Zwei beeindruckende Großsegler – ein Zweimaster und ein Dreimaster – belegen bereits einen Großteil des Hafens. Mit etwas Glück entdecken wir tatsächlich noch den letzten freien Platz und machen Betty sicher fest.









Im Hafen herrscht reger Betrieb.
Immer wieder laufen Arbeits- und Versorgungsschiffe aus oder kommen zurück. Sie bringen Material und Personal zu den Baustellen draußen auf See und machen deutlich, dass hier praktisch rund um die Uhr gearbeitet wird.
Erst gestern wurde ein weiterer Meilenstein erreicht.
Das dritte Tunnelelement, ein gewaltiger Betonkoloss von 219 Metern Länge, wurde erfolgreich abgesenkt und an seine endgültige Position auf dem Meeresgrund gebracht.
Beeindruckend, wenn man sich vorstellt, dass unter uns in wenigen Jahren nicht nur Schiffe fahren werden, sondern tausende Autos und Züge täglich die Ostsee unterqueren.
Wir dagegen bleiben lieber an der Oberfläche.
Nach dem Festmachen macht sich Henry sofort auf Erkundungstour.
Keine zehn Minuten später kommt er mit einem breiten Grinsen zurück.
„Ich hab was gefunden!“
Direkt in der Nähe des Hafens gibt es ein kleines Take-away, das frisch belegte Smørrebrød verkauft. Diese dänische Spezialität hatten wir während unserer bisherigen Zeit in Dänemark vergeblich gesucht. Smørrebrød ist weit mehr als nur ein belegtes Brot. Die kunstvoll angerichteten Scheiben Roggenbrot werden mit Fisch, Garnelen, Roastbeef, Ei oder vielen anderen Zutaten belegt und gehören seit Generationen zur dänischen Esskultur.
Natürlich ist damit das Frühstück für den nächsten Morgen beschlossene Sache.
Am nächsten Morgen teilt sich die Crew.
Henry und Roswitha machen sich auf den Weg, um frisches Smørrebrød zu besorgen.


Yvonne und ich nutzen die Zeit für eine ausgedehnte Gassirunde mit Baldur, der jede Gelegenheit genießt, vor einer längeren Überfahrt noch einmal festen Boden unter den Pfoten zu spüren.
Kurze Zeit später treffen wir uns wieder an Bord.
Das Frühstück ist hervorragend.
Frisch.
Lecker.
Und das Warten auf diese dänische Spezialität hat sich definitiv gelohnt.
Danach heißt es ein letztes Mal:
Leinen los in Dänemark.
Unser Ziel ist Kiel.

Die Wetterbedingungen passen, die Route ist klar und eigentlich spricht nichts gegen eine entspannte Überfahrt.
Eigentlich.
Denn schon nach einiger Zeit meldet sich unser neuer Backbordmotor erneut.
Diesmal nicht mit ungewöhnlichen Geräuschen.
Sondern mit einer Temperaturwarnung.
Auf dem Display erscheint die Aufforderung, die Leistung zu reduzieren.
Der Motor wird zu warm.
Also nehmen wir die Drehzahl zurück und beobachten aufmerksam alle Anzeigen.
Nach den Problemen der vergangenen Wochen horcht inzwischen jeder bei der kleinsten Auffälligkeit auf. Sofort beginnen die Gedanken zu kreisen.
Ist es nur eine zu hohe Belastung?
Hat das Kühlsystem ein Problem?
Oder kündigt sich schon wieder die nächste Reparatur an?
Die gute Nachricht:
Der Motor läuft weiter.
Die weniger gute:
Unser Vertrauen in die Technik bekommt erneut einen kleinen Dämpfer.
Also heißt es wieder einmal, aufmerksam bleiben, Daten sammeln und Oceanvolt über die neuen Auffälligkeiten informieren.
Irgendwie scheint unsere Reise inzwischen nicht nur aus Seemeilen zu bestehen, sondern auch aus einem fortlaufenden Praxistest für den Antrieb.
Langweilig wird es mit Betty jedenfalls nie.
Kurs Kiel – und Besuch der Deutschen Marine
Die Ursache für die Temperaturwarnung am Backbordmotor lässt sich schließlich recht schnell eingrenzen.
Die Kühlwasserpumpe arbeitet nicht mehr.
Ohne Kühlwasser kann auch ein Elektromotor seine Wärme nicht ausreichend abführen. Die Folge: Das Motormanagement schützt die Technik und reduziert automatisch die Leistung, bevor größere Schäden entstehen.
Also informieren wir erneut Oceanvolt.
Und wieder reagiert der Support beeindruckend schnell.
Bereits kurze Zeit später erhalten wir die Rückmeldung, dass am Freitag ein Servicetechniker nach Kiel kommen wird, um die Pumpe zu tauschen und den Antrieb noch einmal vollständig zu überprüfen.
Hoffentlich…
…ist das nun wirklich der letzte Werkstattbesuch dieser Reise.
Während wir vom Fehmarnbelt in Richtung Kiel laufen, hören wir immer wieder ein dumpfes Grollen aus der Ferne.
Nicht laut.
Aber deutlich.
Ein Geräusch, das man eher spürt als hört.
Unsere Vermutung:
Die Deutsche Marine führt Schießübungen durch.
Das würde gut passen, denn in der westlichen Ostsee befinden sich mehrere militärische Übungsgebiete, die regelmäßig von der Deutschen Marine und NATO-Partnern genutzt werden. Dort werden unter anderem Artillerie-, Seeziel- und Gefechtsübungen durchgeführt. Während solcher Übungen werden die betroffenen Seegebiete überwacht und der Schiffsverkehr über Funk entsprechend informiert.
Wenig später bestätigt sich zumindest, dass militärischer Betrieb herrscht.
Am Horizont taucht erneut ein graues Marineschiff auf.
Ein vertrauter Anblick auf dieser Reise.
Als wir später in die Kieler Förde einlaufen, kommt schließlich auch die offizielle Bestätigung über Funk.
Die Schießübungen sind beendet.
Der Schiffsverkehr kann wieder uneingeschränkt passieren.
Doch das eigentliche Highlight des Tages folgt erst jetzt.
Zunächst bemerken wir lediglich ein Begleitboot der Küstenwache.
Dann erkennen wir den Grund.
Hinter uns läuft ein deutsches U-Boot.

Langsam.
Fast lautlos.
Und kommt immer näher.
Wenig später überholt es uns.
Ein beeindruckender Moment.
Anders als zivile Schiffe senden militärische Einheiten in der Regel kein AIS-Signal aus. AIS – das Automatic Identification System – dient eigentlich dazu, Schiffe gegenseitig sichtbar zu machen und Kollisionen zu vermeiden. Militärfahrzeuge verzichten aus Sicherheitsgründen jedoch häufig darauf. Umso wichtiger ist in solchen Situationen die Begleitung durch Sicherungsfahrzeuge, die den übrigen Schiffsverkehr aufmerksam machen und für ausreichend Abstand sorgen.
Ein deutsches U-Boot aus nächster Nähe zu erleben, gehört definitiv zu den besonderen Momenten dieses Törns.
Je weiter wir in die Kieler Förde hineinfahren, desto dichter wird der Bootsverkehr.
















Unser Ziel ist der Sporthafen Seeburg.
Ein vergleichsweise kleiner Yachthafen – dafür mit einer nahezu perfekten Lage.
Direkt an der Kiellinie, der beliebten Uferpromenade, von der aus sich Restaurants, Cafés und die Innenstadt bequem zu Fuß erreichen lassen. Auch das Schifffahrtsmuseum, der Landtag von Schleswig-Holstein und die Altstadt liegen nur wenige Gehminuten entfernt. Für Segler, die Kiel nicht nur vom Wasser aus kennenlernen möchten, gibt es kaum einen besseren Ausgangspunkt.
Ob wir dort tatsächlich noch einen freien Liegeplatz finden würden, wussten wir allerdings nicht.
Umso größer ist die Freude, als wir nach 50nm und 10 Stunden tatsächlich einen Platz an der Außenmole ergattern.
Natürlich bringt dieser Liegeplatz auch etwas Bewegung mit sich.
Vorbeifahrende Schiffe schicken regelmäßig ihre Wellen in den Hafen, sodass Betty gemütlich auf und ab schaukelt.
Aber daran haben wir uns inzwischen längst gewöhnt.
Fast fühlt es sich schon an wie zu Hause.
Am Abend werden die letzten Reste unseres dänischen Smørrebrød zusammen mit einem frischen Salat verspeist.
Ein würdiger Abschluss unserer Rückkehr aus Dänemark.
Danach sitzen wir noch lange im Cockpit.
Bis tief in die Nacht.
Wir lassen die vergangenen knapp zwei Monate Revue passieren.
Sprechen über die vielen wunderschönen Häfen.
Über Stürme.
Über Motorprobleme.
Über Begegnungen mit Menschen, die wir ohne Betty vermutlich nie kennengelernt hätten.
Und natürlich auch darüber, was wir an Betty noch verbessern möchten. Jede Reise zeigt Kleinigkeiten auf, die sich optimieren lassen – manches praktisch, manches komfortabel. Genau dafür sind solche langen Törns schließlich auch da.
Gleichzeitig wird uns bewusst, dass sich unsere Crew bald verändern wird.
Am Mittwoch werden Roswitha und Henry ihre Heimreise antreten.
Sie haben Betty auf einem großen Teil ihres ersten Abenteuers begleitet und viele unvergessliche Erinnerungen mit uns gesammelt.
Für uns geht die Reise jedoch weiter.
Bereits am 12. August wird ein neues Crewmitglied an Bord kommen.
Gemeinsam wollen wir dann die letzte große Etappe dieser Saison in Angriff nehmen:
Die Rückfahrt nach Hellevoetsluis – dorthin, wo Betty ihre Reise begonnen hat.
Der Kreis beginnt sich langsam zu schließen.
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