Von Brunsbüttel nach Norderney – Schleusenkino, Gegenstrom und Labskaus
Der Wecker klingelt um 3:30 Uhr.
Eine Uhrzeit, zu der normale Menschen noch tief und fest schlafen und selbst der Kaffee vermutlich noch keine Lust hat, Kaffee zu sein. Aber wir sind auf Betty – und wenn der Kapitän sagt: „Um vier legen wir ab“, dann wird aufgestanden.
Zumindest theoretisch.
Denn bei der Planung haben wir eine kleine Sache übersehen: die Morgendämmerung.
Wir hatten uns schlicht verrechnet, was Sonnenaufgang und zunehmende Helligkeit betrifft. Also heißt es zunächst: warten. Die Schleusenanlage in Brunsbüttel hingegen kennt keine Müdigkeit. Der Nord-Ostsee-Kanal wird rund um die Uhr betrieben, und während wir in der Nacht schon immer wieder das Arbeiten der Schleusen beobachten konnten, geht der Betrieb auch am frühen Morgen unbeeindruckt weiter.
Sobald genügend Licht da ist, greifen wir zum Funkgerät.
Kanal 13 – Schleusenfunk.
Und diesmal haben wir Glück.
Wir dürfen mit in die große Schleusenkammer.
Betty und der Riese
Kurz darauf liegen wir in der Schleuse – und neben uns schiebt sich ein Frachter herein, der gefühlt zehn Stockwerke hoch ist.
Jetzt wird einem erst richtig bewusst, was für ein kleines Schiff Betty im Vergleich zur Berufsschifffahrt ist.
Die Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals sind schließlich nicht für Sportboote gebaut worden. Der Kanal verbindet die Nordsee bei Brunsbüttel mit der Ostsee bei Kiel und erspart der Großschifffahrt den langen Weg rund um Jütland. Für die großen Schiffe ist er eine wichtige Abkürzung – für uns ist es dagegen ein ziemlich beeindruckendes Erlebnis, gemeinsam mit einem Frachter dieser Größe in einer Schleusenkammer zu liegen.
Knapp eine halbe Stunde später öffnen sich die Tore.
Betty ist wieder in ihrem Element – Wasser voraus, Nordsee achteraus.

80nm Spitzengeschwindigkeit 9 Knoten
Kaum aus der Schleuse heraus, geht es unter Motor Richtung Elbe. Die Strömung unterstützt uns und Betty gleitet mit ordentlich Schub elbabwärts. Zeitweise stehen fast 9 Knoten auf der Anzeige.
9 Knoten – das sind rund 17 km/h.
Für ein Segelschiff fühlt sich das schon ziemlich flott an.
Unser Ziel: Norderney.
Vor uns liegen rund 80 Seemeilen. Ob wir das tatsächlich schaffen? Zu diesem Zeitpunkt noch völlig offen.
Wenn der Wind Urlaub macht
Leider entscheidet sich der Wind dafür, an diesem Tag einen freien Nachmittag einzulegen.
Die See wird immer ruhiger. Teilweise liegt die Nordsee beinahe spiegelglatt vor uns.
Für einen Segler ist das ungefähr so, als würde man einem Rennfahrer eine Autobahn ohne Motor anbieten.
Also laufen die Oceanvolt-Motoren und Betty tuckert Richtung Westen.
Seemeile um Seemeile verschwindet hinter uns, genau wie die Ozeanriesen die in der Nordsee viel mehr vertreten sind als in der Ostsee. Wahrscheinlich weil sie die großen Umschlagplätze in Rotterdam und Hamburg anlaufen.






Gegen Abend erreichen wir schließlich Norderney.
Nur gibt es dort ein kleines Problem:
Der Hafen ist voll.
Die normalen Liegeplätze sind belegt, und auf ein Päckchen – also längsseits an einem bereits liegenden Boot festzumachen – haben wir mit Baldur an Bord nicht wirklich Lust. Ein Hund auf engem Steg, fremde Boote, Leinen und Fender – das kann spannend werden.
Also entscheiden wir uns für die pragmatische Variante:
Spundwand.
Betty macht an der Kaimauer fest. Strom gibt es glücklicherweise auch.
Und den werden wir brauchen.
Denn morgen wartet die nächste Etappe.
Ausschlafen? Fast!
Am nächsten Morgen ist ausnahmsweise kein Wecker um 3:30 Uhr notwendig.
Gegen 10 Uhr heißt es Leinen los.
Nur eine Kleinigkeit haben wir offenbar vergessen:
Frühstück.
Norderney verlassen wir also mit leerem Magen – und die Nordsee begrüßt uns gleich mit einer zusätzlichen Herausforderung.

31,8nm durchschnittliche Geschwindigkeit 3,6kn dank der Gezeiten
Die auflaufende Flut läuft uns entgegen.
Das bedeutet: Das Wasser strömt in Richtung Küste und erzeugt einen kräftigen Gegenstrom. Betty setzt zwar Segel, aber der Wind reicht nicht aus, um allein vernünftig voranzukommen. Also müssen die Motoren mithelfen.
Und selbst damit kämpfen wir uns teilweise nur mit etwa 3 Knoten vorwärts.
Die Nordsee zeigt ihre andere Seite
Nachdem wir den direkten Einfluss der Insel hinter uns gelassen haben, verändert sich die See.
Und zwar nicht unbedingt zu unserem Vorteil.
Die Nordsee präsentiert sich jetzt so, wie wir sie weniger gerne haben:
kurze, steile Wellen mit kurzer Wellenlänge.
Eine sogenannte kurze See entsteht, wenn Wind und Wellen nur wenig Raum oder Zeit hatten, um eine lange, gleichmäßige Dünung aufzubauen. Die Wellen stehen dann dichter hintereinander und können ein Schiff deutlich stärker durchschütteln.
Betty steckt das zwar souverän weg.
Wir dagegen werden ordentlich durchgeschüttelt.
Zum Glück ist die heutige Etappe nicht mehr allzu lang.
Doch gegen Mittag tauchen im Westen dunkle Wolken auf.
Windy beziehungsweise WindyPredict kündigt Regen und Gewitter an.
Also heißt es:
Sicherheitsmodus.
Schwimmwesten an.
Regenzeug raus.
Und vorsichtshalber ein Reff ins Großsegel.
Ein Reff bedeutet, die Segelfläche zu verkleinern. Das macht man nicht erst dann, wenn der Wind bereits kräftig zunimmt, sondern idealerweise vorher. Ein kleineres Segel ist bei auffrischendem Wind deutlich besser zu kontrollieren.
Und tatsächlich:
Pünktlich gegen 13 Uhr kommt der Regen.
Allerdings erwischt er uns gerade noch mit ungefähr 30 Tropfen.
Mehr Symbolik als Unwetter.
Wir nehmen es trotzdem als Bestätigung, dass unsere Wetter-App ihren Job ernst nimmt.












Borkum voraus – und der Strom dreht auf
Mittlerweile sind wir auf Höhe von Borkum.
Die Insel ist die westlichste der ostfriesischen Inseln und liegt unmittelbar vor der Emsmündung. Für die Schifffahrt ist die Gegend allerdings nicht ganz ohne – Strömungen, Sandbänke und Fahrwasser verlangen Aufmerksamkeit.
Zunächst läuft Betty unter Segeln noch ganz ordentlich.
Doch dann macht sich die ablaufende Flut immer stärker bemerkbar.
Das Wasser läuft seewärts und nimmt Betty immer mehr Fahrt über Grund.
3 Knoten.
Mehr ist teilweise nicht mehr drin.
Und genau hier wird uns klar:
Morgen müssen wir früher los.
Nicht weil wir besonders gerne früh aufstehen.
Sondern weil wir die Strömung auf unserer Seite haben wollen.
Auf der Nordsee ist eben nicht nur der Wind entscheidend. Wer hier unterwegs ist, muss immer auch die Gezeiten im Blick behalten. Ebbe und Flut bewegen enorme Wassermengen und können die Geschwindigkeit eines Schiffes über Grund um mehrere Knoten verändern.
Port Henry – endlich wieder an Land
Am Abend erreichen wir schließlich Port Henry – einen Hafen, den wir bereits von einer früheren Etappe kennen.
Diesmal sind wir allerdings deutlich früher dran.
Betty wird ordentlich festgemacht, der Landstrom angeschlossen und Wasser gebunkert.
Und das war auch dringend nötig.
Unser Wassertank befindet sich inzwischen praktisch auf Notreserve.
Frisches Wasser an Bord ist schließlich kein Luxus. Gerade bei mehreren Tagen unterwegs ist der Wasserverbrauch erstaunlich hoch – und spätestens beim Blick auf die Tankanzeige wird aus einer kleinen Unachtsamkeit schnell ein ernstes logistisches Problem.
Jetzt aber ist alles wieder aufgefüllt.
Und damit beginnt der angenehme Teil des Abends.
Duschen!
Nach einem langen Tag auf der Nordsee gibt es wohl kaum etwas Besseres als eine heiße Dusche.
Danach zieht es uns in die Hafenkneipe.
Beim letzten Besuch war die Küche leider geschlossen gewesen.
Diesmal haben wir mehr Glück.
Und wir bestellen, was man nach einem langen Tag auf See eigentlich bestellen muss:
Labskaus. Schollenfilet. Neptunplatte.
Labskaus – das klassische norddeutsche Seemannsgericht – ist übrigens weit mehr als irgendein Kartoffelgericht. Früher war es ein praktisches Essen für Seeleute: haltbare Zutaten wie Pökelfleisch, Kartoffeln und Zwiebeln ließen sich lange lagern und versorgten die Mannschaft mit ordentlich Energie.
Heute kommt es auf dem Teller deutlich appetitlicher daher.
Und nach diesem Tag schmeckt es sowieso.
Wir essen uns durch die Speisekarte, reden über die vergangenen Meilen und werfen bereits erste Blicke auf die Wetterprognose.
Denn eines ist klar:
Der morgige Tag wird lang.
Sehr lang.
Die nächste Etappe verlangt wieder frühes Aufstehen. Die Tide will berücksichtigt werden, der Wind soll mit etwa 12 bis 15 Knoten kommen und auch Regen ist nicht ausgeschlossen.
Aber wir sind ja nicht aus Zucker.
Und Betty wartet schon.
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