Gegen die Gezeiten

Borkum voraus – mit der Tide gegen die Uhr

Eine Frage aus dem letzten Bericht ist allerdings noch offen geblieben:

Was zum Teufel ist eigentlich Labskaus?

Labskaus ist ein klassisches norddeutsches Seemannsgericht, das ursprünglich vor allem auf Schiffen gegessen wurde. Und wie so vieles an Bord entstand es weniger aus kulinarischer Raffinesse als aus der Frage: Was hält sich lange und macht eine hungrige Mannschaft satt?

Die klassische Variante besteht aus Kartoffeln, Pökelfleisch und Zwiebeln, die zusammen zu einer Art grobem Kartoffelstampf verarbeitet werden. Häufig kommen dazu Spiegelei, Rollmops oder eingelegte Gurke und Rote Bete.

Das Ganze sieht – vorsichtig formuliert – nicht unbedingt nach einem Kandidaten für einen Michelin-Stern aus. Dafür hat Labskaus eine andere Qualität: Nach einem langen Tag auf See, ordentlich Wind und vielen Meilen ist es genau das, was man braucht.

Und unser Labskaus in Port Henry war jedenfalls ausgezeichnet.

Aber lange sitzen bleiben ist heute nicht drin.

Denn unser eigentliches Ziel für die nächste Etappe lautet:

Meilen machen.

4:40 Uhr – der Tag beginnt

Der Wecker klingelt wieder zu einer Uhrzeit, bei der die meisten Menschen noch nicht einmal daran denken, ihren Wecker zu stellen.

4:40 Uhr.

Zumindest verrät uns das später die Aufzeichnung unseres Bordsystems. Tatsächlich beginnt der Tag schon kurz davor mit den ersten Handgriffen an Bord.

Warum so früh?

Ganz einfach:

Die Tide.

Wir müssen die ablaufende Flut nutzen.

Unter Tide versteht man das regelmäßige Steigen und Fallen des Meeresspiegels durch die Anziehungskräfte von Mond und Sonne. Für einen Segler ist das aber nicht nur eine Veränderung des Wasserstandes. Mit Ebbe und Flut entstehen gleichzeitig teilweise kräftige Gezeitenströme, die ein Schiff je nach Richtung entweder deutlich schneller machen oder massiv abbremsen können.

Und genau das haben wir auf der letzten Etappe bereits erlebt.

Gestern mussten wir uns zeitweise mit gerade einmal drei Knoten über Grund gegen die Strömung kämpfen.

Das wollen wir heute unbedingt vermeiden.

Also heißt es:

Raus, solange das Wasser noch in unsere Richtung läuft.

5:22 Uhr – Leinen los

Um 5:22 Uhr ist es dann soweit.

Die Leinen kommen los.

Borkum liegt hinter uns und vor dem Bug wartet die niederländische Küste.

Unser voraussichtliches Ziel:

Vlieland.

Eine Insel, die wir schon fast wie einen nächsten Meilenstein betrachten können.

Doch bis dahin heißt es zunächst:

Meilen machen.

Die frühen Morgenstunden haben auf See ihren ganz eigenen Charakter. Die Häfen schlafen noch, an Land sind kaum Menschen unterwegs und über dem Wasser liegt diese besondere Ruhe, die man nur erlebt, wenn man deutlich vor der normalen Welt unterwegs ist.

Betty gleitet aus dem Hafen.

Noch ist nicht klar, wie sich Wind und Strömung im Laufe des Tages entwickeln werden. Aber zumindest haben wir einen wichtigen Trumpf ausgespielt:

Wir sind früh unterwegs und die ablaufende Tide arbeitet für uns.

Genau das ist das kleine Geheimnis langer Etappen in der Nordsee.

Nicht immer entscheidet allein, wie stark der Wind bläst.

Manchmal entscheidet eine unsichtbare Kraft unter dem Rumpf darüber, ob man am Abend zehn Meilen weiter ist – oder drei Stunden später immer noch an derselben Stelle steht.

Von Borkum nach Vlieland – und hinein ins Reich der Gezeiten

Die Strecke zieht sich.

Seemeile um Seemeile wandert auf dem Plotter unter Betty hindurch, während wir uns langsam an den westfriesischen Inseln entlangarbeiten. Schiermonnikoog, Ameland, Terschelling – Namen, die für uns inzwischen nicht mehr nur auf der Seekarte stehen, sondern zu sichtbaren Etappen unserer Reise geworden sind.

Doch irgendwann dreht sich die Stimmung.

Die Wellen kommen jetzt von achtern und schieben Betty in Richtung Vlieland. Eine kleine, aber durchaus willkommene Unterstützung. Schließlich ist auf einer langen Etappe jeder zusätzliche Knoten willkommen.

Der Wind allerdings denkt offenbar nicht daran, uns dauerhaft zu verwöhnen.

Er wird schwächer.

Also heißt es wieder: Segel optimal nutzen, Strömung mitnehmen und hoffen, dass der Wind noch ein wenig durchhält.

Die Niederlande rücken näher

Mittlerweile haben wir auch unsere Gastlandflagge gewechselt.

Die deutsche Flagge ist eingeholt, stattdessen flattert nun die niederländische Tricolore am Heck.

Für uns ein kleiner Moment mit großer Bedeutung:

Betty ist wieder in den Niederlanden.

Schließlich hat unsere Reise hier in Hellevoetsluis begonnen. Jetzt kommen wir auf dem Wasserweg wieder zurück in das Land, in dem Betty gebaut und auf ihre große Reise geschickt wurde.

Gegen 19:30 Uhr erreichen wir schließlich Vlieland.

Und dann wird es noch einmal spannend.

Zwei Meter Platz – auf jeder Seite

Die Hafeneinfahrt nach Vlieland ist alles andere als großzügig.

Gerade einmal ungefähr zwei Meter Abstand zu den Dalben bleiben auf jeder Seite.

Für Betty mit ihren gut sieben Metern Breite ist das kein Bereich, in dem man unbedingt noch großartig herumprobieren möchte.

Also konzentrieren wir uns.

Geradeaus.

Ruhige Hände.

Keine hektischen Manöver.

Und dann sind wir drin.

Nur um festzustellen:

Der Hafen ist voll.

Wirklich voll.

Ein Marinero kommt uns schließlich mit einem kleinen Schlauchboot entgegen und versucht, für uns einen geeigneten Liegeplatz zu finden.

Er sucht.

Und sucht.

Und findet nichts, was für Betty wirklich vernünftig aussieht.

Also entscheiden wir uns für die unkomplizierte Lösung:

Längsseits an die Spundwand.

Das funktioniert – allerdings müssen wir die Besonderheiten dieses Hafens berücksichtigen.

Denn hier macht die Tide fast zwei Meter aus.

Das bedeutet: Unser Schiff liegt bei Hochwasser rund zwei Meter höher als bei Niedrigwasser.

Deshalb müssen die Fender – die dicken Schutzkörper zwischen Schiff und Kaimauer – richtig positioniert und ausreichend Spielraum für die Leinen eingeplant werden.

Ein Boot darf bei Ebbe nicht an den Leinen hängen wie ein Paket am Kran.

Und bei Flut darf es ebenso wenig plötzlich zu viel Druck auf die Festmacher geben.

Wir haben gerade alles ordentlich eingerichtet, da beginnt das Wasser bereits wieder zu steigen.

Und damit ergibt sich ein kleines Schauspiel:

Als Yvonne mit Baldur von Betty an Land geht, beträgt der Höhenunterschied praktisch null.

Baldur steigt fast ebenerdig über.

Eine halbe Stunde später kommen die beiden zurück.

Und plötzlich ist da schon eine kleine Stufe.

Die Nordsee demonstriert uns innerhalb kürzester Zeit, wer hier eigentlich das Sagen hat.

Ausschlafen – zumindest ein bisschen

Am nächsten Morgen dürfen wir es ruhiger angehen lassen.

Und ganz ehrlich:

Das tut auch einmal gut.

Kein Wecker um vier Uhr, kein hektisches Ablegen im Morgengrauen.

Gegen 10 Uhr heißt es Leinen los.

Doch natürlich wäre es zu schön gewesen, wenn die Gezeiten uns diesmal einfach in Ruhe gelassen hätten.

Prompt kämpfen wir wieder gegen die Strömung.

Bis wir das offene Meer erreichen, macht sich die Tide deutlich bemerkbar.

Danach wird es zunächst gemütlicher.

Wir segeln an Vlieland entlang und nehmen Kurs auf Texel, die größte der niederländischen Westfriesischen Inseln.

Die Landschaft zieht an uns vorbei, Betty läuft ruhig und wir können die Umgebung genießen.

Doch je näher wir Den Helder kommen, desto geschäftiger wird es.

Jetzt wird es geschäftig

Den Helder kommt in Sicht.

Und plötzlich ist deutlich mehr Verkehr auf dem Wasser.

Der Fährverkehr nimmt drastisch zu.

Neben den Fähren sind nun auch deutlich größere Schiffe unterwegs. Für uns bedeutet das: Augen auf, Verkehr beobachten und die Bewegungen der Berufsschifffahrt genau im Blick behalten.

Denn Den Helder ist kein verschlafener Ferienhafen.

Die Stadt ist einer der wichtigsten Marinestandorte der Niederlande und Heimat der niederländischen Marine.

Und genau in dieses Umfeld steuern wir jetzt hinein.

Im Hafen angekommen, wird es entsprechend abwechslungsreich.

Wir passieren Einheiten der niederländischen Marine, eine imposante Ölplattform, die offenbar gerade beschlossen hat, es sich hier gemütlich zu machen, und mehrere größere Schiffe.

Dann wartet das nächste Hindernis:

Eine Schleuse.

Wir müssen kurz warten, bis das Signal auf Grün springt.

Und dann passiert etwas, das wir inzwischen ziemlich gut beherrschen:

Die Straße wird angehoben.

Die Schleuse öffnet.

Durchschleusen wie die Profis.

Mittlerweile haben wir offenbar genug Schleusenerfahrung gesammelt, dass uns so etwas nicht mehr aus der Ruhe bringt.

Ein Hafen mit Kontrolle

Unser Ziel ist diesmal allerdings kein gewöhnlicher Yachthafen.

Wir liegen in einem militärisch geprägten Hafengebiet.

Das merkt man bereits bei der Anmeldung.

Hier reicht es nicht, einfach den Bootsnamen zu nennen und den Liegeplatz zu bekommen.

Die Ausweise aller Personen werden kontrolliert.

Schließlich befinden wir uns in unmittelbarer Nähe eines wichtigen Marinestandortes.

Unser Liegeplatz liegt auf einem Werftgelände, direkt neben dem niederländischen Marinemuseum.

Und damit haben wir bereits einen ziemlich guten Plan für den nächsten Tag.

Denn rund um uns liegen jede Menge historische Schiffe.

Alte Marineschiffe, technische Zeitzeugen und maritime Geschichte zum Anfassen.

Man könnte fast sagen:

Wir sind mitten in einem schwimmenden Geschichtsbuch gelandet.

Und da morgen ohnehin ein Landgang geplant ist, steht der nächste Programmpunkt eigentlich schon fest:

Das Marinemuseum wird von uns heimgesucht.

Schließlich kann man nicht direkt neben einem Marinemuseum liegen und einfach so tun, als würde man die alten Schiffe nicht sehen.

Am Mittwoch soll es dann weitergehen.

Wohin genau?

Das wird die nächste Etappe zeigen.

Aber eines ist inzwischen sicher:

Die Nordsee ist noch lange nicht fertig mit uns.

Eine Antwort zu „Gegen die Gezeiten“

  1. Liebe Betty Crew! Ich freue mich jedesmal über Eure schönen und unterhaltsamen auch informativen Geschichten! Ich wünsche mir jetzt eine Kameradrohne, damit wir auch mal Fotos von Betty in ihrem Element sehen! Liebe Grüße und Mast und Schotbruch!!! Florian

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