Gegen Wind und Welle – von Den Helder nach IJmuiden und wieder zurück

Nach den frühen Starts der vergangenen Tage gönnen wir uns heute zunächst etwas mehr Schlaf und einen Landtag in DEN HELDERN. Hier ist nicht nur der Sitz der holländischen Marine, sondern auch ein extrem interessantes Marinemuseum. Quasi der Hafen liegt im Marinemuseum und so ist es nahezu unumgänglich, dass wir dieses besuchen.

Gegen 8 Uhr heißt es in Den Helder: Leinen los.

Zumindest theoretisch.

Denn wir liegen ja noch immer hinter der Schleuse.

Einfach losfahren ist also nicht.

Wir greifen zum Funkgerät und melden uns auf Kanal 14 beim Schleusenpersonal. Kurz erklären, dass Betty gerne Richtung Nordsee möchte – und tatsächlich dauert es nicht lange.

Die Schleusentore öffnen sich.

Und als wäre das noch nicht genug, wird auch die darüberführende Straße angehoben.

Freie Fahrt für Betty!

Wir passieren die Schleuse und plötzlich liegt sie wieder vor uns:

die Nordsee.

Erst einmal raus gegen die mit 2,5knoten Strömung auflaufende Flut

Ganz so einfach ist es allerdings noch nicht.

Bevor wir wirklich auf die offene Nordsee hinauskommen, müssen wir zunächst aus dem Bereich der starken Gezeitenströmung heraus.

Segel hoch, Motoren dazu und langsam schieben wir uns vorwärts.

Die ersten Kilometer ziehen sich.

Rund eineinhalb Stunden dauert es, bis wir endlich den Einfluss des Hafens und der stärkeren Strömungen hinter uns lassen.

Dann allerdings läuft es.

37nm Start 8:34 Ende 16:26 Wind v.a. aus Westliche Richtung

Unser Kurs führt nach IJmuiden.

Der Wind kommt als Halbwind – also ungefähr von der Seite. Für einen Katamaran wie Betty sind das angenehme Bedingungen: genügend Wind, um ordentlich Fahrt zu machen, ohne ständig gegen die Wellen ankämpfen zu müssen.

Betty legt ordentlich zu.

Und so kommen wir am Nachmittag in IJmuiden an.

Hier überlegen wir kurz:

Warum eigentlich nicht gleich weiter nach Scheveningen?

Die Rechnung ist schnell gemacht.

Noch einmal ungefähr fünf Stunden unterwegs.

Und eigentlich sind wir ja schon ein gutes Stück gekommen.

Also siegt die Vernunft.

Heute bleiben wir in IJmuiden.

Der Hafen bietet uns Schutz und Betty liegt ruhig und sicher.

Und nach den letzten Tagen auf der Nordsee ist ein geschützter Liegeplatz auch nicht die schlechteste Idee.

Neuer Tag, neues Glück

Am nächsten Morgen steht Scheveningen auf dem Plan.

Wetterbericht checken.

Eigentlich sieht es ganz ordentlich aus.

Also los.

Gegen 9 Uhr verlassen wir IJmuiden.

Doch schon die Hafeneinfahrt macht klar, dass die Nordsee heute offensichtlich andere Pläne hat.

Die ersten Wellen begrüßen uns bereits zwischen den Molen.

Und draußen wird es nicht besser.

Im Gegenteil.

Sobald wir auf der offenen Nordsee sind, werden die Wellen höher und der Wind frischt ordentlich auf.

19,1nm Start:9:04 Ende:13:06 Umdrehen: 11:50 Wind aus S /SSW Durchschnittliche Windstärke 24knoten – in Boen bis zu 35

Wir segeln hart am Wind – also mit einem Kurs, bei dem der Wind schräg von vorne kommt.

Der direkte Kurs nach Scheveningen ist damit allerdings nicht zu halten.

Also heißt es:

Aufkreuzen.

Beim Aufkreuzen segelt man abwechselnd auf verschiedenen Schlägen gegen den Wind, um sich insgesamt trotzdem in die gewünschte Richtung vorzuarbeiten.

Das funktioniert.

Aber es kostet Zeit.

Und Nerven.

35 Knoten sind kein Kindergeburtstag

Die Böen erreichen mittlerweile bis zu 35 Knoten.

Das sind rund 65 km/h Windgeschwindigkeit.

Für ein Segelboot ist das schon eine Ansage.

Wir haben vorsichtshalber nur die Fock gesetzt – das vordere Segel. Das Großsegel bleibt unten.

Trotzdem schafft Betty auf dem richtigen Kurs noch bis zu 5 Knoten.

Aber der Weg nach Scheveningen wird immer länger.

Von den ursprünglich etwa 25 Seemeilen sind gegen Mittag noch immer ungefähr 18 Meilen übrig.

Und eine Besserung der Bedingungen ist nicht in Sicht.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, eine Entscheidung zu treffen.

Weiterkämpfen?

Oder umdrehen?

Die Antwort ist eigentlich ziemlich einfach.

Wir drehen um.

Denn Seemannschaft bedeutet nicht, einen Plan um jeden Preis durchzuziehen. Manchmal ist die beste Entscheidung, einen sicheren Hafen anzulaufen, bevor aus einem unangenehmen Segeltag ein echter Notfall wird.

Zumal die niederländische Küstenwache an diesem Tag bereits zweimal ausrücken musste, um Boote zu retten, die mit den Bedingungen nicht mehr zurechtkamen.

Da müssen wir nicht unbedingt dazugehören.

Was für ein Unterschied!

Der Kurs wird geändert.

Zurück nach IJmuiden.

Und plötzlich erleben wir dieselben 35 Knoten aus einer völlig anderen Perspektive.

Jetzt kommen Wind und Welle von hinten. Champagnersegeln wie es ein guter Freund von uns bezeichnet.

Was vorher zäh, langsam und anstrengend war, wird plötzlich zum Geschwindigkeitsrausch.

35 Knoten?

Jetzt fühlt sich das beinahe wie ein Kindergeburtstag an.

Betty läuft teilweise mit 7 bis 9 Knoten.

Die Strecke, für die wir zuvor rund vier Stunden gebraucht haben, schaffen wir nun in etwas mehr als einer Stunde.

Das zeigt eindrucksvoll, welchen Unterschied Windrichtung und Wellenrichtung auf See machen können.

Ein und derselbe Wind kann je nach Kurs entweder zum Gegner oder zum besten Freund werden.

IJmuiden – wieder zurück

Als wir die Hafeneinfahrt erreichen, herrscht dort fast schon kleiner Andrang.

Offensichtlich hatten mehrere andere Skipper denselben Gedanken wie wir:

Heute lieber sicher in den Hafen.

Unser Liegeplatz von der vergangenen Nacht ist glücklicherweise noch frei.

Also nehmen wir ihn kurzerhand wieder.

Anlegen klappt wunderbar.

Leinen fest.

Motoren aus.

Durchatmen.

Die Entscheidung, umzudrehen, fühlt sich plötzlich ausgesprochen richtig an.

Heute Nacht bleiben wir definitiv in IJmuiden.

Wir warten ab, bis sich die Windsituation verbessert.

Die Wetterprognose macht uns zumindest Hoffnung: In der Nacht soll der Wind nach Nordwest drehen.

Und genau das wäre für unsere nächste Etappe nahezu perfekt.

Denn unser Ziel ist weiterhin:

Scheveningen – und anschließend Hellevoetsluis.

Damit nähern wir uns langsam dem Ende unserer Reise.

Die letzten Meilen liegen vor uns.

Aber gerade jetzt gilt:

Nicht die schnellste Ankunft zählt.

Sondern eine sichere.

Wir haben auf dieser Reise gelernt, dass Wind, Welle und Tide ihre eigenen Regeln haben.

Und manchmal besteht die größte seemännische Leistung einfach darin, ihnen zuzuhören.

Betty kann warten.

Die Nordsee bestimmt den Fahrplan.

Eine Antwort zu „Gegen Wind und Welle – von Den Helder nach IJmuiden und wieder zurück“

  1. Avatar von zestful58f24b1e07
    zestful58f24b1e07

    gut, dass bei euch der Verstand segelt und nicht wie früher der Alkoholspiegel. Sicher ankommen ist die beste Versicherung. Weiterhin gute Fahrt.

    Das Ländle wartet schon auf die Seebären.

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